{"id":115,"date":"2011-11-18T19:21:54","date_gmt":"2011-11-18T17:21:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.athletic-brandao.de\/?p=115"},"modified":"2012-07-22T21:43:55","modified_gmt":"2012-07-22T19:43:55","slug":"bvb-chef-watzke-diese-arroganz-haben-wir-nicht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.athletic-brandao.de\/?p=115","title":{"rendered":"BVB-Chef Watzke: &#8220;Diese Arroganz haben wir nicht&#8221;"},"content":{"rendered":"<p>F\u00fcr Borussia Dortmund und seinen Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer Hans-Joachim Watzke hei\u00dft es noch ein letztes Mal: durchatmen und entspannen vor der Woche der Wahrheit. In der Bundesliga stehen die hei\u00dfen Duelle mit dem FC Bayern und Schalke 04 an, dazwischen wartet der FC Arsenal in der Champions League. Wir erwischen den BVB-Chef vor der L\u00e4nderspiel-Gala der deutschen Nationalmannschaft gegen Holland in der Lobby seines Hamburger Nobelhotels, dem legend\u00e4ren Atlantic.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>In der exklusiven Smoker\u2018s Lounge z\u00fcndet sich Watzke, relaxt in Jeans und Pulli, einen ersten von drei Zigarillos an und l\u00e4sst sich ins tiefe, braune Ledersofa fallen. Frei nach dem Motto: Dann legt mal los, Feuer frei. Im t-online.de Interview erz\u00e4hlt der BVB-Chef, warum die Sonderstellung des Konkurrenten FC Bayern auf alle Zeiten zementiert ist, wieso die K\u00f6nigsklasse auch f\u00fcr einen amtierenden Meister Dortmund nicht selbstverst\u00e4ndlich sein darf und was sein amerikanischer Albtraum ist.<\/p>\n<p><strong>Herr Watzke, entscheidet das Spiel in M\u00fcnchen schon \u00fcber die Titelverteidigung des BVB?<\/strong><br \/>\nHans-Joachim Watzke: Der FC Bayern wird mit hoher Wahrscheinlichkeit Deutscher Meister. Das war uns lange vor diesem 13. Spieltag klar. M\u00fcnchen pr\u00e4sentiert sich bislang in allen Wettbewerben unglaublich stabil, das macht ihre Klasse aus. Es wird f\u00fcr jeden Klub extrem schwer, Bayern den Titel streitig zu machen. Aber es ist nicht unm\u00f6glich. Die M\u00fcnchner werden am Sonntagabend jedenfalls nicht acht Punkte Vorsprung haben. Vielleicht vor Borussia Dortmund, aber nicht vor Schalke oder einem anderen Verfolger.<\/p>\n<p><strong>Ein Schwarz-Gelber sieht Schalke als Bayern-J\u00e4ger? Werden Sie altersmilde?<\/strong><br \/>\n(lacht) Man wird gelassener. Die K\u00f6nigsblauen werden jedenfalls N\u00fcrnberg schlagen.<br \/>\nBundesliga<\/p>\n<p><strong>R\u00fcckblende: War Ihnen nach dem spektakul\u00e4ren 3:1-Sieg in M\u00fcnchen in der vergangenen Saison endg\u00fcltig klar, dass es mit der siebten BVB-Meisterschaft klappen wird?<\/strong><br \/>\nEigentlich schon. J\u00fcrgen Klopp, Michael Zorc und ich haben in der Woche vor dem Spiel bei mir in der K\u00fcche gehockt und gesagt: Wenn wir gewinnen, gehen wir in die Offensive und geben den Titel \u00f6ffentlich als Ziel aus. Zu dem Zeitpunkt war die Vorentscheidung gefallen.<\/p>\n<p><strong>Wie ist die Situation in diesem Jahr?<\/strong><br \/>\nGanz anders. Die Bayern sind um ein Vielfaches st\u00e4rker. Sie haben inzwischen den wohl besten Torwart der Welt, Manuel Neuer, und in Jerome Boateng einen verl\u00e4sslichen Abwehrspieler mit der n\u00f6tigen Statur dazubekommen. Der wichtigste Neuzugang ist aber Jupp Heynckes. Er versteht es, die F\u00e4higkeiten seiner Spieler systemkompatibel zu machen. Bei Louis van Gaal hatte ich eher den Eindruck, dass alles dem System untergeordnet wird. In der vergangenen Saison hat es bei den Bayern an allen Ecken und Enden geknirscht. Vom Vorstand \u00fcber den Trainer bis zum Team.<br \/>\n<strong><br \/>\nDavon ist jetzt nicht mehr viel zu sp\u00fcren, oder?<\/strong><br \/>\nIn dieser Spielzeit hat man wirklich den Eindruck, dass alles passt. Daher ist es schwer, an den Bayern vorbeizukommen. Aber: Wenn wir einen guten Tag erwischen, m\u00fcssen wir uns vor keinem Team verstecken. Wir fahren mit Respekt nach M\u00fcnchen, jedoch ohne Angst.<br \/>\n<strong><br \/>\nSie haben vor einigen Jahren die These aufgestellt, nur der FC Bayern habe das nat\u00fcrliche Recht, vor Borussia Dortmund zu stehen.<\/strong><br \/>\nDas war im September 2006 auf unserer au\u00dferordentlichen Aktion\u00e4rsversammlung. Damals habe ich gesagt, bis 2011 m\u00fcssen wir eine Situation schaffen, in der nur der FC Bayern das nat\u00fcrliche Recht f\u00fcr sich reklamieren kann, dauerhaft vor dem BVB zu stehen. Im Nachsatz habe ich hinzugef\u00fcgt, dass wir mit Klubs wie Schalke, Hamburg, Stuttgart oder Bremen wieder auf Augenh\u00f6he sein wollen. Daf\u00fcr habe ich mir damals viel Spott eingehandelt.<\/p>\n<p><strong>Warum gestehen Sie den M\u00fcnchenern dieses Recht eigentlich zu?<\/strong><br \/>\nWeil es die logische Konsequenz der Ausnahmestellung des FC Bayern in der Bundesliga ist. Das gibt es in keiner anderen Liga in Europa. \u00dcberall sonst sind mindestens der Erste und der Zweite auf fast gleichem Niveau. Das ist in Italien so mit den Teams aus Rom und Mailand; das ist in England so mit den beiden Manchester-Klubs und Chelsea; in Spanien ist das sowieso der Fall mit Real Madrid und dem FC Barcelona. Nur bei uns kommt der Branchenprimus auf ein Umsatzvolumen von 350 Millionen Euro und wir gerade mal auf 150 Millionen. Das ist weniger als die H\u00e4lfte! Wer 200 Millionen Euro mehr Umsatz macht, kann auch 80 Millionen Euro mehr im Jahr an Gehalt ins Team stecken. Deshalb hat M\u00fcnchen eine Spitzenstellung in Deutschland, die einmalig ist. Das l\u00e4sst sich nicht negieren.<br \/>\n<strong><br \/>\nDiese Ausnahmestellung ist f\u00fcr alle Zeiten zementiert?<\/strong><br \/>\nWeitestgehend, ja. Die M\u00fcnchner leisten seit Jahren hervorragende Arbeit, aber sie haben auch strukturelle Vorteile, die nicht aufzuholen sind. Ziehen sie mit einem Zirkel einen Kreis um M\u00fcnchen mit dem Radius von 150 Kilometern. Innerhalb dieses Kreises finden sie nur: den FC Bayern. Wenn sie das Gleiche bei uns machen, haben sie noch&#8230;<\/p>\n<p><strong>&#8230;Schalke, K\u00f6ln, Gladbach, Leverkusen&#8230;<\/strong><br \/>\n&#8230;und noch ein paar andere. Der Sponsorenkuchen, der im Bundesland Bayern schon alleine aufgrund der Wirtschaftskraft doppelt so gro\u00df ist wie in Nordrhein-Westfalen, geh\u00f6rt den M\u00fcnchnern ganz alleine. Dagegen wird die gr\u00f6\u00dfte Einnahmequelle in unserem Gro\u00dfraum gleich auf f\u00fcnf, sechs Klubs aufgeteilt. In den n\u00e4chsten zehn Jahren werden wir weder erreichen, dass NRW so reich wird wie Bayern, noch, dass Borussia Dortmund ein Alleinstellungsmerkmal in seinem Bundesland bekommt.<\/p>\n<p><strong>Besserung ist also nicht in Sicht?<\/strong><br \/>\nDauerhaft ein finanzielles Gleichgewicht herzustellen, funktioniert nur mit Fremdkapital, und am Ende geht jedem die Luft aus. Alles andere w\u00fcrde \u00fcbrigens auch bedeuten, dass die Bayern-Konkurrenz kollektiv bl\u00f6d w\u00e4re. Nachweislich hat es kein Klub in den letzten drei\u00dfig Jahren geschafft, auf Dauer mitzuhalten. Es ist systemimmanent.<\/p>\n<p><strong>Es geht f\u00fcr die Widersacher der Bayern also im Prinzip nur darum&#8230;<\/strong><br \/>\n&#8230;die L\u00fccke nicht noch gr\u00f6\u00dfer werden zu lassen, genau. Oder wenn es optimal l\u00e4uft, ein kleines bisschen aufzuholen.<\/p>\n<p><strong>Wie kann man das schaffen?<\/strong><br \/>\nMan kann den Bayern eine Saison Paroli bieten und sie auch sportlich \u00fcberfl\u00fcgeln. Das hat unsere Meisterschaft gezeigt. Aber letztlich h\u00e4ngt alles an den Finanzen. Geld schie\u00dft keine Tore, aber erh\u00f6ht sehr wohl die Wahrscheinlichkeit, dass welche fallen. Nehmen Sie Manchester City in England. Die spielten vor f\u00fcnf Jahren keine Rolle. Nun sind sie Tabellenf\u00fchrer der Premier League. Oder Paris St. Germain, jahrelang ein halb toter Klub. Nun schie\u00dft ein Araber Geld zu, und sie stehen oben. Das ist alles kein Zufall. F\u00fcr uns gilt: Wir m\u00fcssen nachhaltig arbeiten, unser Gesch\u00e4ftsmodell weiterentwickeln, Ums\u00e4tze erzielen und Geld verdienen, damit die Schere nicht weiter aufgeht.<\/p>\n<p><strong>Was meinen Sie konkret mit nachhaltigem Arbeiten?<\/strong><br \/>\nDass man an seinem Modell festh\u00e4lt. Unsere Strategie ist: Wir wollen maximalen sportlichen Erfolg, ohne daf\u00fcr neue Schulden zu machen. Daran orientiert haben wir unsere Philosophie verankert: mit jungen Spielern ein laufintensives, vertikales Spiel zu etablieren.<br \/>\n<strong><br \/>\nWas spricht daf\u00fcr, dass der BVB kein One-Hit-Wonder bleibt, sondern wieder l\u00e4nger in der Lage ist, die Bayern zu \u00e4rgern?<\/strong><br \/>\nZum Beispiel, dass wir aktuell wieder auf dem zweiten Tabellenplatz stehen, wenn auch mit f\u00fcnf Punkten R\u00fcckstand. Aus wirtschaftlicher Sicht, dass wir unsere Erl\u00f6sstruktur verbessert haben. Wir haben den Weg in die K\u00f6nigsklasse nicht mit Schulden erkauft, sondern Gewinn gemacht!<br \/>\n<strong><br \/>\nDas bedeutet?<\/strong><br \/>\nWir k\u00f6nnen es uns leisten, Angebote f\u00fcr wichtige Spieler abzulehnen. Andere Teams in \u00e4hnlicher Situation haben ihre Leistungstr\u00e4ger verloren. Das ist Wolfsburg mit Edin Dzeko so ergangen, Stuttgart mit Mario Gomez und Bremen mit Diego. Diesem Trend haben wir uns entgegengestemmt. Angesichts des gro\u00dfen Interesses an unseren Spielern war das eine enorme Leistung.<br \/>\n<strong><br \/>\nNuri Sahin konnten Sie nicht halten.<\/strong><br \/>\nDas war ein Verlust, keine Frage. Wir hoffen, dass wir seinen Abgang auf Dauer kompensieren k\u00f6nnen. Ein Spieler geht leider immer.<\/p>\n<p><strong>Es w\u00fcrde das nachhaltige Arbeiten vermutlich extrem st\u00e4rken, erneut in die Champions League zu kommen.<\/strong><br \/>\nSportlich w\u00e4re das sch\u00f6n, aber wirtschaftlich ist es keine Notwendigkeit. Wir k\u00f6nnen auch mit der Europa League gut leben.<\/p>\n<p><strong>Aber auch die Anspr\u00fcche der Spieler wachsen. Dortmunds umworbenes Talent Mario G\u00f6tze hat ge\u00e4u\u00dfert, m\u00f6glichst immer Champions League spielen zu wollen.<\/strong><br \/>\nWenn er was anderes sagen w\u00fcrde, w\u00e4re er auch der Falsche f\u00fcr uns. Wir brauchen ehrgeizige Spieler. Marios \u00c4u\u00dferungen sind legitim, solange er bei uns alles f\u00fcr dieses Ziel tut, und das macht er. Aber angesichts der Situation in der Bundesliga k\u00f6nnen wir keinen Stammplatz in der Champions League beanspruchen. Hinter den Bayern gibt es zurzeit drei freie Pl\u00e4tze f\u00fcr die K\u00f6nigsklasse. Aber es gibt allein zwei Dax-Konzerne mit anderen wirtschaftlichen M\u00f6glichkeiten, die ihr Bundesliga-Team in Europas h\u00f6chstem Wettbewerb sehen m\u00f6chten. Und es gibt Klubs, die von den Rahmenbedingungen her mit uns vergleichbar sind. Der Wettbewerb ist hart, und wir k\u00f6nnen einfach nicht sagen, wir sind immer dabei. Diese Arroganz haben wir nicht.<br \/>\n<strong><br \/>\nDas ist ein sympathischer Ansatz. Aber besteht nicht die Gefahr, dass sich der Deutsche Meister selbst zu klein redet?<\/strong><br \/>\nWas wir sagen und was wir wollen, das sind ja manchmal zwei verschiedene Paar Schuhe. Niemand kann uns ernsthaft mangelndes Selbstbewusstsein vorwerfen. Aber wir m\u00fcssen doch den Realit\u00e4tssinn bewahren. Der sagt mir, dass f\u00fcnf oder sechs Klubs hinter den M\u00fcnchenern relativ nahe beieinander liegen und die Qualifikation f\u00fcr die K\u00f6nigsklasse keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit ist.<\/p>\n<p><strong>Ganz im Gegensatz zum&#8230;<\/strong><br \/>\n&#8230;FC Bayern, genau. Aber selbst f\u00fcr den Branchenprimus hat es j\u00fcngst nur mit Ach und Krach geklappt im Endspurt gegen Hannover 96. Vielleicht k\u00f6nnen wir in f\u00fcnf, sechs Jahren einen Punkt erreichen, an dem die Wahrscheinlichkeit gewachsen ist, den BVB regelm\u00e4\u00dfig in der Champions League zu sehen. Vor dem Hintergrund unserer Vergangenheit und der Struktur der Anh\u00e4ngerschaft sehe ich das aber nicht.<\/p>\n<p><strong>Dennoch: Ist es nicht zu defensiv gedacht, Niederlagen bei Teams wie Olympique Marseille oder Olympiakos Pir\u00e4us als Lehrgeld zu verniedlichen? Muss ein Deutscher Meister nicht den Anspruch haben, dort zu gewinnen?<br \/>\n<\/strong>Warum? Pir\u00e4us spielt jedes Jahr Champions League. Die Mannschaft ist teurer als unsere. Borussia Dortmund ist kein klassischer Meister, sondern ein Sensationsmeister. Aus unserer jungen Mannschaft bringt einzig Sebastian Kehl Erfahrung in der K\u00f6nigsklasse mit. Zudem sind wir aus Lostopf vier gestartet, was uns das Leben dramatisch erschwert hat. W\u00e4ren wir &#8220;normal&#8221; gesetzt gewesen bei der Auslosung zur Gruppenphase, h\u00e4tten wir RC Genk oder Otelul Galati bekommen! Das hei\u00dft nicht, dass wir in Pir\u00e4us verlieren m\u00fcssen. Aber den Automatismus, dort auch zu punkten, gibt es nicht. Den gibt es nur bei Bayern.<\/p>\n<p><strong>Auch, weil der Rekordmeister weit \u00fcber hundert Millionen Euro allein f\u00fcr sein Personal ausgibt, fast drei Mal so viel wie der BVB. Warum erregt diese gewaltige Summe so wenig Aufsehen in der \u00d6ffentlichkeit?<\/strong><br \/>\nDie Insider kennen diese Zahlen nat\u00fcrlich. Aber wo ist das Problem? Wer 200 Millionen Euro mehr Umsatz macht, kann auch mehr f\u00fcr die Mannschaft ausgeben. Solange das seri\u00f6s finanziert ist so wie in M\u00fcnchen, ist das v\u00f6llig in Ordnung.<br \/>\n<strong><br \/>\nEine Deckelung wie im US-Sport mit der so genannten Salary Cap ist f\u00fcr die Bundesliga nicht vorstellbar?<\/strong><br \/>\nDavon halte ich \u00fcberhaupt nichts. Sollen wir als n\u00e4chstes noch den Abstieg abschaffen, um die Planungssicherheit zu erh\u00f6hen? Das w\u00e4re f\u00fcr mich das Ende des Sports.<\/p>\n<p>Das Interview f\u00fchrte Patrick Brandenburg, 18. November 2011<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr Borussia Dortmund und seinen Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer Hans-Joachim Watzke hei\u00dft es noch ein letztes Mal: durchatmen und entspannen vor der Woche der Wahrheit. 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