{"id":44,"date":"2012-03-16T01:09:54","date_gmt":"2012-03-15T23:09:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.athletic-brandao.de\/?p=44"},"modified":"2012-07-03T19:46:47","modified_gmt":"2012-07-03T17:46:47","slug":"metzelder-deutschland-hat-die-lucke-geschlossen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.athletic-brandao.de\/?p=44","title":{"rendered":"Metzelder: &#8220;Deutschland hat die L\u00fccke geschlossen&#8221;"},"content":{"rendered":"<p>Bei der Europameisterschaft will die deutsche Nationalmannschaft den Titelverteidiger Spanien vom Thron schubsen, und im Europapokal stehen f\u00fcr die Klubs aus der Bundesliga gro\u00dfe Duelle mit der Fu\u00dfballgro\u00dfmacht Nummer eins an. Hannover 96 kreuzt in der Europa League mit Atletico Madrid die Klingen, Schalke 04 trifft auf Athletic Bilbao. In der Champions League k\u00f6nnte es zudem im Halbfinale zum Showdown des FC Bayern mit Real Madrid kommen.<!--more--><\/p>\n<p>Spanien-Experte Christoph Metzelder, drei Jahre als Verteidiger in Diensten der K\u00f6niglichen aus Madrid, spricht im t-online.de Interview \u00fcber die Chancen seiner Schalker gegen Bilbao, die Aufholjagd in der F\u00fcnfjahreswertung, Deutschlands Goldene Generation und einen kleinen Schwindel bei seinem Einstand in der spanischen Hauptstadt.<\/p>\n<p><strong>Herr Metzelder: Jetzt gehen f\u00fcr den deutschen Fu\u00dfball die spanischen Wochen los: Ihr Klub Schalke 04 trifft im Viertelfinale der Europa League auf Athletic Bilbao. Waren Sie zufrieden mit der Auslosung?<br \/>\n<\/strong>\u2028<br \/>\nChristoph Metzelder: Ja, das habe ich mir gew\u00fcnscht. Bilbao hat ein tolles Stadion und setzt nur auf baskische Spieler, das finde ich bewundernswert. Sie spielen vor allem zuhause sehr offensiv und mit viel Leidenschaft. Es wird schwer, aber wir haben eine Chance.<\/p>\n<p><strong>In der Champions League k\u00f6nnte ihr ehemaliger Klub Real Madrid im Halbfinale auf den FC Bayern treffen. Wen sehen Sie da vorn?<\/strong><br \/>\n\u2028Da zittert eher Madrid. Die M\u00fcnchner sind f\u00fcr Real die \u201ebestia negra\u201c, die schwarze Bestie. Gegen den FC Bayern spielen sie nicht so gerne.<\/p>\n<p><strong>Madrid winkt im Idealfall ein Finale gegen den ewigen Rivalen FC Barcelona. Der Clasico als Endspiel in der K\u00f6nigsklasse &#8211; ein absolute Knaller, oder?\u2028<\/strong><br \/>\nAbsolut. Die beiden besten Klubmannschaften der Welt, mit v\u00f6llig unterschiedlichen Philosophien, das w\u00e4r\u2018s. In einem einzigen Finalspiel w\u00fcrde ich sogar Real als Favoriten sehen.<\/p>\n<p><strong>DFL-Pr\u00e4sident Reinhard Rauball hat vor einiger Zeit forsch angek\u00fcndigt, in der F\u00fcnfjahreswertung habe die Jagd auf Spanien begonnen hat. Zu vermessen?\u2028<\/strong><br \/>\nDer Mittelbau der Bundesliga ist eigentlich st\u00e4rker, da hat er recht. Auch wenn Spanien dieses Jahr gleich drei Teams ins Viertelfinale der Europa League gebracht hat: Valencia, Bilbao und Atletico Madrid. Mittelfristig gelingt die Aufholjagd aber nur, wenn sich in der Champions League neben dem FC Bayern ein zweites deutsches Team permanent etabliert. Denn Real und Barcelona werden immer viele Punkte sammeln.<\/p>\n<p><strong>Auch auf der Ebene der Nationalmannschaft ist Spanien f\u00fcr Deutschland der Ma\u00dfstab. Hat die DFB-Elf mittlerweile zum Branchenf\u00fchrer aufgeschlossen?<\/strong><br \/>\n\u2028Vor dem EM-Finale 2008 hatten die Spanier unheimlichen Respekt, weil wir die Turniermannschaft schlechthin waren: voller Kampfgeist, erst geschlagen, wenn abgepfiffen ist. Diese Tugenden besitzen wir immer noch. Und inzwischen haben wir eine Mannschaft, die zudem richtig gut kombinieren kann. Von daher werden die anderen Nationen noch mehr auf uns schauen. Wenn wir die Qualit\u00e4ten der einzelnen Spieler vergleichen, m\u00f6gen die Spanier vorne sein. Aber in einem Turnier muss das nicht viel hei\u00dfen. Die L\u00fccke zu den Spaniern haben wir zumindest wieder geschlossen.<\/p>\n<p><strong>Dann lassen Sie uns mal vergleichen: Die beiden Torh\u00fcter kennen Sie aus eigener Anschauung bestens. Wer hat die Nase vorn? Iker Casillas oder Manuel Neuer?\u2028<\/strong><br \/>\nIker hat den Vorteil, dass er bereit seit einem Jahrzehnt bei einem Topklub spielt, st\u00e4ndig in der Champions League vertreten ist und den Druck kennt. Zudem hat er bewiesen, dass er als Kapit\u00e4n eine Mannschaft zu Titeln f\u00fchren kann. Das konnte Manu bislang nicht, schon weil er deutlich j\u00fcnger ist. Aber er hat das gr\u00f6\u00dfere Potenzial. F\u00fcr mich ist er der kompletteste Torwart, den es gibt. Mittelfristig: Vorteil Deutschland.<\/p>\n<p><strong>Die DFB-Abwehr gilt trotz viel Talent weiter als Problemzone. Die spanische steht dagegen meist sicher, ist h\u00f6chstens auf einigen Positionen etwas zu alt.\u2028<\/strong><br \/>\nDas Komische ist ja: Nicht jeder herausragende Abwehrspieler in der Bundesliga ist automatisch auch ein herausragender Nationalverteidiger&#8230;<\/p>\n<p><strong>&#8230;wie zum Beispiel Mats Hummels.<\/strong><br \/>\nRichtig. Ich halte ihn f\u00fcr den besten deutschen Innenverteidiger, er hat eine tolle Veranlagung und riesiges Potenzial. Im DFB-Dress hat er das allerdings noch nicht komplett abrufen k\u00f6nnen. Aber das wird bestimmt noch kommen.<\/p>\n<p><strong>Also ein Punkt f\u00fcr Spanien?\u2028<\/strong><br \/>\nInsgesamt sehe ich sie in der Defensive leicht im Vorteil. Auf der Position rechts Au\u00dfen ist mein fr\u00fcherer Teamkollege Sergio Ramos eine Bank: ein kompletter Spieler mit einer \u00fcberragenden Physis. Au\u00dferdem kann er auch innen spielen, dass hat er bei Real eindrucksvoll bewiesen. Seine einzige Schw\u00e4che ist, dass er manchmal denkt, er sei ein Spielmacher (lacht). Dann schleicht sich ein wenig \u00dcberheblichkeit in sein Spiel.<\/p>\n<p><strong>Wie lange kann sich Routinier Carles Puyol noch halten?\u2028<\/strong><br \/>\nIhn sollte man nie untersch\u00e4tzen. Sein Wille, seine Kampfkraft sind enorm. Er kann sich in Aufgaben verbei\u00dfen. Und neben ihm spielt in Gerard Piqu\u00e9 der zurzeit wohl beste Innenverteidiger der Welt, mit herausragender Spieler\u00f6ffnung. Danach allerdings beginnen die Probleme. Von diesen Dreien sollte sich keiner verletzen, denn die zweite Reihe ist nicht gleichwertig besetzt. Und die linke Au\u00dfenbahn ist schon l\u00e4nger wackelig. Joan Capdevilla war Stammspieler bei der WM, aber er ist mit 34 Jahren nicht mehr der J\u00fcngste. Zuletzt hat Trainer Vicente del Bosque auf dieser Position viel probiert, ich wei\u00df gar nicht genau, wer da gerade die Nase vorn hat. Da sehe ich eine Schwachstelle.<\/p>\n<p><strong>Die beiden Mittelfeldreihen geh\u00f6ren vermutlich zu den besten weltweit.\u2028<\/strong><br \/>\nAbsolut. Beide haben eine gro\u00dfe Qualit\u00e4t. Spanien hat den Vorteil, dass es im Mittelfeld fast komplett auf den Barcelona-Block bauen kann. Fabregas, Iniesta, Xavi, Busquets: Deren Ballzirkulation und Passsicherheit ist einmalig. Nach dem verlorenen WM-Halbfinale 2010 hat Miroslav Klose gesagt: Wir mussten einen solchen Aufwand betreiben, um an den Ball zu kommen, dass wir zu kaputt waren f\u00fcr unsere eigenen Angriffe.<\/p>\n<p><strong>Hat Deutschland heute das Format, um dem spanischen Tiki-Taka Paroli zu bieten?\u2028<\/strong><br \/>\nDas Entscheidende ist der Ballbesitz. Wenn die deutsche Mannschaft das hinbekommt, ohne sich m\u00fcde zu rennen, kann sie Spanien weh tun. Im EM-Finale 2008 ist uns das in der ersten Viertelstunde noch gelungen. Casillas hat mir mal erz\u00e4hlt, dass die Spanier da durchaus Sorgen hatten. Aber dann haben sie das Mittelfeld in den Griff bekommen und wir hatten keine Chance mehr. Dann l\u00e4uft jede Mannschaft dieser Welt hinterher. Das kostet nicht nur viel Kraft, sondern ist au\u00dferdem noch unheimlich frustrierend.<\/p>\n<p><strong>Haben die Spanier zurzeit ein Sturmproblem?<\/strong><br \/>\n\u2028Das ist wohl so. Eigentlich ist diese Position bei den Spaniern ja doppelt top besetzt. Aber weil sich David Villa ein Bein gebrochen hat und Fernando Torres v\u00f6llig au\u00dfer Form ist, haben sie dort zu k\u00e4mpfen. Zwar stehen noch Leute wie Fernando Llorente bereit, aber der ist ein ganz anderer Spielertyp. Ob er zu den Mittelfeldzauberern aus Barcelona passt, da habe ich so meine Zweifel. Als Stammspieler sehe ich ihn nicht. Ich glaube, alle hoffen inst\u00e4ndig, dass Villa noch rechtzeitig fit wird.<\/p>\n<p><strong>Vorteil Deutschland?\u2028<\/strong><br \/>\nK\u00f6nnte man sagen. Miroslav Klose ist eine Bank, gerade bei Turnieren. Bei Lazio Rom ist er noch mal durchgestartet, hat Spielpraxis gesammelt und viel Selbstvertrauen. Auch Mario Gomez m\u00fcsste aufgrund seiner Leistungen beim FC Bayern eigentlich immer spielen. Da haben wir viel weniger Sorgen als Spanien.<br \/>\n<strong><br \/>\nVerpasst der Weltmeister gerade etwas den Umbruch? W\u00e4hrend beim DFB-Team der 23-J\u00e4hrige Mesut \u00d6zil von einem 19-J\u00e4hrigen wie Mario G\u00f6tze unter Druck gesetzt wird, haben die ersten Helden der Furia Roja ein kritisches Alter erreicht.\u2028<\/strong><br \/>\nFu\u00dfball unterliegt Zyklen, auch wenn man das bei den gro\u00dfen Fu\u00dfballnationen aufgrund ihres enormen Talentpools oft weniger wahrnimmt. Aber es gibt immer wieder Goldene Generationen, wie bei den Franzosen Ende der Neunziger oder zurzeit bei den Spaniern um Casillas, Xavi und Iniesta. Ich glaube, dass die Deutschen die N\u00e4chsten sind mit einer herausragenden Generation. Der DFB wird in den kommenden Turnieren sehr gute Teams stellen. Noch w\u00fcrde ich bei zehn Duellen Spanien vorne sehen, aber bei einem Turnier geh\u00f6rt auch Gl\u00fcck dazu, Dramaturgie und Biss. Und ich bin mir nicht sicher, ob ein amtierender Europa- und Weltmeister den auch zum dritten Mal in Folge entwickelt.<br \/>\n<strong><br \/>\nSchalkes Raul ist einer der besten spanischen Fu\u00dfballer aller Zeiten. Die EM- und WM-Triumphe fanden allerdings ohne ihn statt, weil der damalige Trainer Luis Aragones ihn aussortierte. Hadert er mit seinem Schicksal?<\/strong><br \/>\n\u2028Zuerst war ihm wom\u00f6glich gar nicht mal bewusst, was er da verpasst. Die Spanier haben ja selbst nie so recht daran geglaubt, dass sie ihr traditionelles Turnier-Trauma mal beenden k\u00f6nnten. Gut vorstellbar, dass es f\u00fcr Raul schmerzvoll ist. Andererseits hat er so viel erreicht in seiner Karriere, dass er nicht im Gram zur\u00fcckblicken muss.<br \/>\n<strong><br \/>\nAn ein sp\u00e4tes Comeback im Nationaldress&#8230;<\/strong><br \/>\n\u2028&#8230;glaubt Raul nicht mehr. Er hat seinen Urlaub schon geplant (lacht).<\/p>\n<p><strong>Wie sch\u00e4tzen Sie den Weg Ihrer deutschen Nachfolger bei Real Madrid ein: \u00d6zil und Sami Khedira?<\/strong><br \/>\n\u2028Beide haben eine enorme Entwicklung genommen. Sami vielleicht sogar noch mehr. Er spielt schlie\u00dflich auf einer Position, die nicht so im Fokus steht. Gerade bei Real werden die Arbeiter im Team eher bel\u00e4chelt. Au\u00dferdem ist im defensiven Mittelfeld die Konkurrenz enorm. Beide haben den Vorteil, dass sie Wunschspieler von Trainer Jose Mourinho waren. Das ist in einem Verein wie Madrid sehr wichtig.<\/p>\n<p><strong>Was m\u00fcssen wir von der extremen spanischen Sport-Presse halten? \u00d6zil wird in einer Woche zum Fu\u00dfballgott erkl\u00e4rt und in der n\u00e4chsten zum Versager gestempelt.<\/strong><br \/>\nIch sehe das Problem eher auf deutscher Seite. Meldungen werden hin und her \u00fcbersetzt, ohne dass Journalisten dauerhaft vor Ort sind und das pers\u00f6nliche Gespr\u00e4ch suchen. Das war bei mir auch so und ist schade. Die spanischen Journalisten sind da ganz anders. Die verteidigen ihre Sportler, die im Ausland ihr Geld verdienen, mit einem unglaublichen Patriotismus. Da k\u00f6nnen wir uns eine Scheibe abschneiden.<br \/>\n<strong><br \/>\nWelche Rolle spielt die Sprachf\u00e4higkeit der beiden? Sie selbst hatten bei ihrer Vorstellung in Madrid mit einer Antrittsrede in fehlerfreiem Spanisch gegl\u00e4nzt&#8230;\u2028<\/strong><br \/>\n&#8230;die ich allerdings weitgehend auswendig gelernt hatte (lacht). Ganz im Ernst: F\u00fcr den Fu\u00dfball und das Leben innerhalb einer Mannschaft ist das nicht wichtig. Das sollte man nicht \u00fcberbewerten. Mit H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen, Englisch und ein paar Brocken Spanisch kommt man klar. Ich habe mich auch erst einmal auf den Trainingsplatz gestellt und die Aktionen der anderen einfach nachgemacht. Es gibt viele internationale Stars, die ohne Sprachkenntnisse in ihren Klubs \u00fcberzeugt haben.<br \/>\n<strong><br \/>\nAber ist es nicht doch ein Unterschied? Mit Ihrer Zeit in Madrid verbindet man eher Positives, obwohl Sie oft verletzt waren und wenig spielten. Heute sieht man Sie nach Spielschluss als Dolmetscher f\u00fcr Raul. Von anderen Spanien-Legion\u00e4ren wie Timo Hildebrand oder David Odonkor w\u00fcrde man das gar nicht erst erwarten.<\/strong><br \/>\n\u2028Das sind doch nur Randnotizen. Vielleicht erinnern sich die Leute in Madrid in zehn oder zwanzig Jahren besser an mich als Person, weil ich gewillt war, zu hundert Prozent ins dortige Leben einzutauchen. Aber auf die sportliche Leistung hat das keinerlei Einfluss.<\/p>\n<p><strong>K\u00f6nnen \u00d6zil und Khedira eine pr\u00e4gende Rolle bei Real spielen?\u2028<\/strong><br \/>\nWenn Mourinho bleibt, auf jeden Fall. Ganz besonders \u00d6zil nat\u00fcrlich, aufgrund seiner zentralen Rolle im Team. Aber solche Sachen h\u00e4ngen gerade in Madrid vom Trainer ab. Muss er gehen, werden automatisch auch viele Spieler ausgetauscht.<\/p>\n<p><em>Das Interview f\u00fchrte Patrick Brandenburg, 27.03.2012<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei der Europameisterschaft will die deutsche Nationalmannschaft den Titelverteidiger Spanien vom Thron schubsen, und im Europapokal stehen f\u00fcr die Klubs aus der Bundesliga gro\u00dfe Duelle mit der Fu\u00dfballgro\u00dfmacht Nummer eins an. 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