{"id":680,"date":"2013-02-02T06:29:44","date_gmt":"2013-02-02T04:29:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.athletic-brandao.de\/?p=680"},"modified":"2013-02-05T08:30:52","modified_gmt":"2013-02-05T06:30:52","slug":"monument-schandfleck-symbol-der-hoffnung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.athletic-brandao.de\/?p=680","title":{"rendered":"Monument, Schandfleck, Symbol der Hoffnung"},"content":{"rendered":"<p>Im Superdome spiegelt sich der \u00dcberlebenswille von New Orleans wider. Wo w\u00e4hrend des Hurrikans Katrina sechs Menschen starben und zigtausende Sturmopfer um ihr Leben bangten, steigt in der Nacht zu Montag Amerikas gr\u00f6\u00dfte Sportparty.<!--more--><\/p>\n<p>Kurz vorm gro\u00dfen Ereignis weht ein erster Hauch der Freude durch den Superdome von New Orleans: Strahlende Gesichter so weit das Auge reicht beim so genannten Media Day der Football-Liga NFL. Die San Francisco 49ers und die Baltimore Ravens stellen sich einen ganzen Vormittag lang entspannt der \u00fcberwiegend US-amerikanischen Presse. Wie es eben so \u00fcblich ist vorm Super Bowl, dem h\u00f6chsten Sportfeiertag der Vereinigten Staaten. Die Quarterbacks Colin Kaepernick und Joe Flacco etwa grinsen f\u00f6rmlich um die Wette vorm m\u00f6glicherweise gr\u00f6\u00dften Tag ihrer Karriere. Abseits des Scheinwerferlichts dagegen l\u00e4chelt Doug Thornton still in sich hinein und blickt sichtbar stolz auf die Gegenwart.<\/p>\n<p><strong>Kein Geld f\u00fcr die Flucht ans rettende Ufer<\/strong><br \/>\nVor gut acht Jahren war dem Manager des Superdomes \u00fcberhaupt nicht zum Lachen zumute. Als Hurrikan Katrina 2005 weite Landstriche der Golfk\u00fcste verw\u00fcstete und dabei auch \u00fcber die Metropole New Orleans hinweg fegte, fl\u00fcchteten fast 30.000 Menschen in \u201eseine\u201c Arena im Stadtzentrum, in der normalerweise die New Orleans Saints Football spielen. Wie der Kapit\u00e4n eines sinkenden Schiffes war Thornton an Bord geblieben und half nach Kr\u00e4ften im \u00dcberlebenskampf. Der Dome, diese Monsterqualle aus Stahl und Beton, die seit 1975 gleicherma\u00dfen zur Skyline und ins Sportbewusstsein der Bewohner von Big Easy geh\u00f6rt, war von den Beh\u00f6rden ungepr\u00fcft als vermeintlich sichere Notunterkunft auserkoren worden. Die wenigen Lebensm\u00fcden, die nicht im Traum daran dachten, vor einem Hurrikan der h\u00f6chsten Stufe f\u00fcnf zu kuschen, suchten hier Unterschlupf. Vor allem aber die Unterprivilegierten, die sie sich eine Flucht ans sprichw\u00f6rtlich rettende Ufer nicht leisten konnten. Was diese Menschen in der Woche vom 28. August bis zur vollst\u00e4ndigen Evakuierung des Stadions am 4. September erlebten, glich einem Horrorfilm.<\/p>\n<p><strong>Sieben Tage in der H\u00f6lle<\/strong><br \/>\nR\u00fcckblende: Schon am zweiten Tag, nachdem der Hurrikan auf die Stadt trifft, macht die Elektrik des Domes schlapp. Notstrom taucht den fensterlosen Moloch und seine endlosen G\u00e4nge mit M\u00fche in ein schummriges Licht. Der Sturm rei\u00dft L\u00f6cher ins Dach. \u201eDas wird h\u00e4sslich\u201c, vermutet Thornton fr\u00fch. Am dritten Tag brechen in New Orleans die D\u00e4mme, das Wasser von Lake Pontchartrain \u00fcberflutet die Stadt. Die Fl\u00fcchtlinge leben auf einer Insel, nahezu abgeschnitten von der Au\u00dfenwelt. Rettungsboote und Hubschrauber bringen immer mehr Menschen, aber keiner kann mehr raus. Am dritten Tag bricht die sanit\u00e4re Versorgung zusammen. Das Spielfeld liegt kn\u00f6cheltief unter einer schwarzen Suppe aus F\u00e4kalien und M\u00fcll. Die Klimaanlage ist l\u00e4ngst Geschichte, bei \u00fcber drei\u00dfig Grad Celsius stinkt es bestialisch. Wasser und Essen werden knapp. Ger\u00fcchte \u00fcber Vergewaltigungen, Raub und Totschlag ver\u00e4ngstigen die Menschen weiter. Etliche nehmen es f\u00fcr bare M\u00fcnze, dass viel mehr ihrer Leidensgenossen gestorben sind als nur die sechs, deren Tod schlie\u00dflich offiziell beklagt wird: Ein Mensch st\u00fcrzt sich von der Br\u00fcstung und begeht so Selbstmord, wird berichtet; einer stirbt durch eine \u00dcberdosis und vier aufgrund \u201enat\u00fcrlicher Ursachen\u201c &#8211; was immer das unter diesen unmenschlichen Umst\u00e4nden bedeuten mag.<\/p>\n<p><strong>Das Wunder vom Wiederaufbau<\/strong><br \/>\n\u201eDas durfte nicht das letzte Bild vom Superdome sein, an das wir uns erinnern\u201c, sagt Thornton heute. Sofort nach Abzug des Hurrikans k\u00e4mpfte der fr\u00fchere College-Quarterback daher f\u00fcr die Renovierung &#8211; gegen alle Widerst\u00e4nde: \u201eEs gab nat\u00fcrlich Leute die sagten: \u201aWir haben jetzt wichtigere Probleme als ein Stadion.\u2018 Oder: \u201aDieser verdammte Ort soll abgerissen werden.\u2018\u201c Selbst als die damalige Gouverneurin des Staates Louisiana, Kathleen Blanco, gr\u00fcnes Licht f\u00fcr den Wiederaufbau gab &#8211; da waren immer noch Teile der Stadt \u00fcberflutet &#8211; hatte der geb\u00fcrtige Texaner Zweifel, jemals wieder das Geb\u00e4ude zu betreten. Dass Thornton nun auf einem perfekten Kunstrasen in einer funktionierenden Arena steht, grenzt an ein Wunder.<\/p>\n<p><strong>F\u00fcrchterliche Alternative<\/strong><br \/>\n\u201eEs gab so viele Momente, an denen alles h\u00e4tte scheitern k\u00f6nnen. Die Finanzierung war ein Riesenproblem, Material und Arbeitskr\u00e4fte knapp. Dazu waren wir in einem Irrgarten der B\u00fcrokratie gefangen\u201c, erkl\u00e4rt der 54-J\u00e4hrige. Die Kuppel des Domes war zu siebzig Prozent zerst\u00f6rt, die Bestuhlung und die Inneneinrichtung nahezu unwiederbringlich besch\u00e4digt. Es gab ein massives Schimmelproblem. Der Rasen und 150.000 Quadratmeter Teppichboden mussten ersetzt, insgesamt vier tausend Tonnen M\u00fcll beseitigt werden. Das alles in nur neun Monaten nach Ende der Planungsphase, denn die Liga dr\u00e4ngte auf Wiederer\u00f6ffnung. \u201eWir hatten keinen Tag, keine einzige Minute zu verlieren Wir mussten diese Herkules-Aufgabe bew\u00e4ltigen\u201c, sagt Thornton. Die Alternative war f\u00fcrchterlich.<\/p>\n<p><strong>Genauso sch\u00f6n wie der Sieg im Super Bowl<\/strong><br \/>\n\u201eEine einzige verpasste Frist h\u00e4tte den Gang der Geschichte dieser Stadt ver\u00e4ndert: Wir h\u00e4tten das Stadion nicht rechtzeitig \u00f6ffnen k\u00f6nnen, die Saints w\u00e4ren wohl nie mehr zur\u00fcckgekommen. Dann w\u00fcrden wir heute nicht \u00fcber den Super Bowl sprechen.\u201c Die Football-Mannschaft bestritt ihre Heimspiele nach Katrina zun\u00e4chst in New Jersey, Baton Rouge und San Antonio. Ger\u00fcchte, die Team-Besitzer w\u00fcrden einen Wechsel in einen lukrativeren Markt erw\u00e4gen, existierten schon vor der Katastrophe. Aus dieser Sicht ist es verst\u00e4ndlich, dass Thornton das feierliche Comeback zu Beginn der NFL-Saison 2006 zu den sch\u00f6nsten Augenblicken der Stadt-Historie z\u00e4hlt &#8211; gleichberechtigt mit dem \u00fcberraschenden Gewinn des Super Bowls der Saints im Februar 2010.<\/p>\n<p><strong>&#8220;Es gibt Hoffnung auch f\u00fcr eure Viertel&#8221;<\/strong><br \/>\nDer Gesch\u00e4ftsmann blickt dabei weit \u00fcber schn\u00f6de Bilanzen und den Rand seines Stadions hinaus &#8211; er spricht von einer Herzenssache, das Projekt vorangetrieben zu haben: \u201eDer Wiederaufbau von New Orleans ist wesentlich vom Selbstvertrauen seiner B\u00fcrger getragen, sich gegen alle Widrigkeiten zu behaupten. Die Rettung des Superdomes war eine Inspiration f\u00fcr die ganze Stadt. Es war ein Signal der Zuversicht: Wenn wir in der Lage sind, solch ein Riesenstadion zu retten, gibt es auch Hoffnung f\u00fcr eure Viertel und f\u00fcr eure Nachbarschaft.\u201c F\u00fcr stolze 221 Millionen Dollar ist der Superdome schlie\u00dflicht renoviert worden, weitere 115 Millionen Dollar flossen sp\u00e4ter in die Modernisierung. <\/p>\n<p><strong>&#8220;Der Superdome ist heute ein besserer Ort&#8221;<\/strong><br \/>\nWenn am Sonntag die ganze Nation nach New Orleans schaut, und mit ihr vermutlich viele \u00dcberlebende des Superdome-Desasters, w\u00fcnscht sich Thornton vor allem dies: Dass die Menschen bei all den weiterhin existierenden Problemen doch den rapiden Wandel wertsch\u00e4tzen und die bemerkenswerte Auferstehung einer ganzen Stadt;  dass sie sich der sch\u00f6nen Momente dieses Sportmonuments erinnern, in dem der letzte Sieg von Muhammad Ali ebenso zu bestaunen war wie nun schon zum siebten Mal ein Super Bowl &#8211; so viele wie in keiner anderen Arena in den USA: \u201eIch hoffe, die Menschen sagen, wir haben das Verm\u00e4chtnis des Geb\u00e4udes angemessen bewahrt, seine reiche, \u00fcberwiegend positive Geschichte. Ich hoffe, sie erkennen: Der Superdome ist heute ein besserer Ort.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Superdome spiegelt sich der \u00dcberlebenswille von New Orleans wider. 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