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Grundsolider Zaubersport

Der BVB ist weiter, doch der Zauber ist weg

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Eine knappe Niederlage gegen Zenit St. Petersburg reicht Borussia Dortmund, um den Vorstoß unter die besten acht Teams Europas zu bestätigen. 

Nachdem die früheren Vollgasfußballer auf der Felge ins Viertelfinale der Champions League rollen, legen sie sich mit den eigenen Fans an.

Als der nächste Meilenstein der Klubgeschichte endlich geschafft war, wurde es ein wenig gespenstisch im früheren Westfalenstadion. Die Dortmunder Borussia hatte gerade zum zweiten Mal in Folge das Viertelfinale der Champions League erreicht, ein solcher Doppelschlag war dem Klub zuletzt vor 16 Jahren gelungen. Doch die überschwängliche Jubelsause nach Spielende fiel aus. Die Südtribüne war nur noch zur Hälfte gefüllt, als sich die Spieler vor der Gelben Wand abfeiern lassen wollten. Selbst unter den Treuesten der Treuen sprinteten viele lieber schnell zum letzten Zug, als eine Europapokal-Party zu feiern. Schon während der Partie, als die 1:2-Heimpleite gegen Zenit St. Petersburg langsam aber sicher Gestalt annahm, hielt sich die Begeisterung in Grenzen. Das latente Grummeln auf den Rängen war weniger zu hören als zu spüren – aber so deutlich, dass sich drei BVB-Urgesteine nach Spielschluss bemüßigt sahen, die eigenen Fans zu kritisieren.

Der Jubiläumssieg lässt noch auf sich warten
„Das gefällt mir überhaupt nicht. Nach jedem Ballverlust Gestöhne. Nachher darf man pfeifen, aber im Spiel brauchen wir die Unterstützung“, schimpfte Urborusse Kevin Großkreutz wie ein Rohrspatz in die TV-Kameras und hatte dabei offenbar die Haupttribüne im Visier. Angesichts einer erschreckend stotternden Leistung der früheren Vollgasfußballer waren die Anhänger auf den Rängen teilweise nicht in Stimmung, einen Fußballfeiertag zu zelebrieren. Beim Durchmarsch ins Finale der Königsklasse in der vergangenen Saison waren diese Feste noch mit schönster Regelmäßigkeit zu bestaunen. Trotz des scheinbar komfortablen 4:2-Vorsprungs aus dem Hinspiel in Russland mussten die Fans nun deutlich mehr zittern als gedacht. Nur ein Gegentreffer zusätzlich, und der BVB hätte weiche Knie bekommen. Zwei mehr, und das Abenteuer Europa wäre sogar beendet gewesen. All das war durchaus möglich gegen St. Petersburg. Ein wirkungsvoller Euphorie-Killer, denn viele Schwarz-Gelbe waren im 200. Europapokalspiel des Champions-League-Siegers von 1997 fest auf Jubiläumssieg Nummer 100 programmiert und nicht auf die wettbewerbsübergreifend bereits sechste Heimpleite der laufenden Saison.

„Das war kein gutes Spiel von uns heute, wir haben viele Fehler gemacht“, gab Sportdirektor Michael Zorc zu. Nach dem mäßigen Auftritt der Mannschaft beeilten sich die Verantwortlichen des BVB aber auch, das Resultat ins rechte Verhältnis zu setzen. „Ein ganz, ganz großartiger Erfolg versteckt sich manchmal hinter einer 1:2-Niederlage“, sagte etwa Jürgen Klopp beinahe philosophisch. Wie schon vor vier Tagen bei der Bundesliga-Heimniederlage gegen Gladbach stellte sich der Trainer vor sein eigenes Team und scheute nicht einmal davor zurück, Gegner Zenit sicherheitshalber zu einer „unfassbar talentierten Mannschaft“ zu überhöhen, obwohl die Russen seit Oktober 2013 nur zwei von 13 Pflichtspielen gewonnen haben.

BVB verkrampft in der Schonhaltung
Zenits Traumtor durch Brasiliens Nationalstürmer Hulk nach gut einer Viertelstunde raubte dem BVB schnell die Sicherheit, einen lässigen Auftritt hinzulegen. Nicht einmal Sebastian Kehls Ausgleichstreffer noch vor der Pause (38.) war geeignet, Souveränität herzustellen. Der Kapitän nickte nach Maßflanke von Marcel Schmelzer zu seinem allerersten Champions-League-Treffer ein. Nachdem der BVB im ersten Durchgang durch einen Kopfball des ansonsten unterirdischen Pierre-Emerick Aubameyang (5.) und den strammen Weitschuss von Kevin Großkreutz (24.) immerhin zwei weitere richtig gute Chancen besaß, verkrampfte sich die Borussia nach dem Wechsel in ihrer Schonhaltung.

Keine einzige zwingende Aktion gelang den Dortmundern, in der Schaltzentrale war Henrich Mchitarjan erneut ein Totalausfall. Wie schon zuletzt in der Liga wirkten die Ideen im Offensivspiel der Westfalen mitunter unverständlicher als die Steuerakte von Uli Hoeneß. Obwohl die Partie beim Spielstand von 1:1 wieder wie gemalt war für die ehemaligen Umschaltweltmeister, fanden die Klopp-Schützlinge nicht ein einziges Mal (!) gefährlich den Weg vors Tor von Zenit-Keeper Wjatscheslaw Malafejew. Auf der anderen Seite suchte Zenit bis zuletzt seine kleine Chance, kam durch Jose Rondon (73.) zum zweiten Treffer und hätte durch den Distanzschuss von Axel Witsel sogar fast noch das bedrohliche dritte Tor erzielt (88.). Ein fetter Korken auf der Dortmunder Vorliebe für Party und Euphorie.

„Ein Heimspiel sollte ein positives Erlebnis sein“
„Ich habe das Gefühl, dass wir uns dafür entschuldigen müssen, in der Runde der letzten Acht zu sein. Das stört mich“, kritisierte Mittelfeldspieler Nuri Sahin, nachdem alle mal kräftig durchatmen konnten. Neben Großkreutz rieb sich auch der zweite Urborusse offenbar an der mangelnden Unterstützung, anstatt die eigene, höchstens durchschnittliche Darbietung dafür verantwortlich zu machen, dass der Funke nicht übersprang wie gegen Donezk, Malaga oder Madrid in der vergangen Saison, oder selbst noch gegen Neapel oder Marseille in der jüngsten Gruppenphase. Auch Routinier Kehl gesellte sich zu den Kritikern, als er auf die Atmosphäre und die Ungeduld mancherFans angesprochen wurde. „Einige in der Mannschaft beschäftigt das sehr. Ein Heimspiel sollte ein positives Erlebnis sein.“

Das Lazarett wird größer, die Aufgabe schwieriger
Immerhin fand Robert Lewandowski klare Worte zur sportlichen Leistung: „Wenn wir so spielen wie heute, wird es im Viertelfinale schwer“, sagte der Stürmer, der ebenfalls einen gebrauchten Abend erwischte und sich zu allem Überfluss noch eine Gelbe Karte einhandelte: Im richtungsweisenden Hinspiel der nächsten Runde ist Dortmunds Lebensversicherung in Sachen Europapokaltore gesperrt. Weil kurz vor Schluss in Außenverteidiger Schmelzer auch noch der stärkste Borusse dieses Achtelfinalduells verletzt ausfiel und das BVB-Lazarett immer größer wird, steht Dortmund zumindest auf dem Papier schon jetzt vor einer nahezu unlösbaren Aufgabe.

Schließlich liegen bei der Auslosung in Nyon am Freitag nur noch absolute Top-Teams wie Bayern München, der FC Barcelona, Real Madrid, Paris Saint-Germain, der FC Chelsea oder Atletico Madrid im Topf. Im Normalfall sollten diese Hürden zu hoch sein für eine Mannschaft, die auf der Suche nach gesunden Akteuren ist und immer öfter auch nach der Seele ihres Spiels. Lediglich das Los Manchester United scheint derzeit ein wenig Hoffnung zu bieten, da die Engländer trotz des Weiterkommens in einer unbewältigten Krise stecken.

„Die Creme de la Creme – und wir!“
Auch wenn der erneute Einzug ins Viertelfinale natürlich ein Riesenerfolg ist – verdient obendrein angesichts des unfassbaren Ausfallpechs in den letzten Wochen und Monaten – so wirkt es 2014 doch ein wenig, als habe sich der BVB ins Konzert der Großen verirrt. Nicht nur aus finanzieller Sicht, wie im vergangenen Jahr, oder aus atmosphärischer, wie nun ziemlich überraschend deutlich wurde, sondern vom spielerischen Niveau. Der ganz große Zauber scheint weg bei dem Team, das in den jüngsten drei Spielzeiten doch alle Fußball-Gesetze aus den Angeln gehoben hatte.

Dass der Klub zurückgeworfen ist auf seine Rolle als krasser Außenseiter, könnte allerdings auch ein Segen sein, um Team und Zuschauer bei der schweren Aufgabe in den beiden ersten Aprilwochen wieder zusammenzuschweißen. Der nie um einen Spruch verlegene Klopp arbeitet jedenfalls schon clever vor, um die Sinne für die äußeren Feinde zu schärfen: „Im Viertelfinale der Champions League steht die Creme de la Creme des europäischen Fußballs – und wir!“

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    Ein Kommentar

    1. Es ist erstmals nach langer Zeit wieder so im Stadion, dass auf die Mannschaft gemotzt wird. Selbst Jürgen Klopp, lange Zeit verständlicherweise unantastbar, gerät ein wenig in die Kritik.
      Die Mannschaft spielt nicht gut, aber man merkt auch, dass einige Spieler (Aubameyang, Sahin, Großkreutz) dringend eine Pause benötigen. Leider fehlen die Alternativen, darum wird man sich so durchwursteln müssen.
      Mich ärgern die Pfiffe. Für mich waren die Jahre 2010 bis 2013 die geilsten Jahre als BVB-Fan (mein erstes Spiel sah ich 1974). Aber irgendwie ist jede schöne Zeit einmal zu Ende. Der Alltag ist wieder da.

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