Athletic Brandão

Grundsolider Zaubersport

Shinji Kagawa nach seinem Comeback beim BVB (Foto: Athletic Brandao).

Kagawas Comeback: das Fußball-Märchen mit dem klitzekleinen Makel

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Torschütze, Antreiber Vorbereiter: Shinji Kagawa feiert eine traumhafte Rückkehr bei Vizemeister Borussia Dortmund. Eine offene Frage bleibt allerdings nach dem BVB-Sieg über den Ligakonkurrenten SC Freiburg.

Den wichtigsten Liebesbeweis des Tages gab es in der Mixed Zone: Nach etlichen Fernsehinterviews in den Katakomben des früheren Westfalenstadions war Shinji Kagawa zuletzt noch bei der schreibenden Presse hängengeblieben. Bereitwillig gab der Rückkehrer über sein Gefühlsleben Auskunft, als Jürgen Klopp seinem Schützling im Vorbeigehen den Ellbogen ins Kreuz rammte – in aller Freundschaft, versteht sich – und dem Japaner das nächste breite Grinsen ins Gesicht zauberte.

Kagawa und Borussia Dortmund: Diese Verbindung passt einfach. Das wurde beim 3:1-Sieg des BVB über den SC Freiburg wieder überdeutlich, bei dem der kleine Wirbelwind als Torschütze und Vorbereiter ein märchenhaftes Bundesliga-Comeback feierte.

Klopp erlebt das Gänsehautgefühl neu
Dabei hätte es dieser statistischen Eindeutigkeit gar nicht mal bedurft. Denn überall und jederzeit rund um das Spiel der Dortmunder gegen Lieblingsgegner Freiburg wurde klar, was beide Seiten an sich haben. Lange vorm Anpfiff feierte die Südtribüne den Heimkehrer, der sich nach zwei unglücklichen Jahren bei Manchester United in Westfalen zurückmeldete.

Beim traditionellen Vorlesen der Aufstellung erlaubte sich Stadionsprecher Norbert Dickel sogar den Scherz, vor der neuen Nummer Sieben eine lange Kunstpause zu machen, um die Vorfreude auf den Japaner noch ein wenig zu steigern. Damit erzeugte er den wohl größten kollektiven Lacher der Heimspielgeschichte. Emotionsbolzen Klopp sagte über diesen stimmungsvollen Prolog: „Ich habe ja sowieso schnell eine Gänsehaut, aber bei den Kagawa-Sprechchören stand die Jacke ein Stück ab.“

Zurück zum alten System – extra für Kagawa
Beim BVB hatten sie alles dafür bereitet, dem Publikumsliebling die Rückkehr so leicht wie möglich zu machen. Auf eine Comeback-Pressekonferenz nach Vertragsabschluss hatte der Klub verzichtet, um nicht wieder Gefahr zu laufen, ein Rührstück wie bei Madrid-Rückkehrer Nuri Sahin aufzuführen. Der Druck des Kagawa-Hypes war ohnehin schon ins Unermessliche gestiegen, mit angeblich um die 10.000 verkauften Trikots der Nummer 7, Artikeln in japanischer Schrift in der Dortmunder Zeitung „Ruhr Nachrichten“, und, und und. „Es ist viel auf ihn eingeströmt, dafür war es überragend gut“, sagte Klopp nach dem Arbeitssieg dann auch eher erleichtert.

Kagawa, der nach dem verletzungsbedingten Ausfall von Nationalspieler Marco Reus schon viel schneller in der Dortmunder Schaltzentrale gebraucht wird, sollte sich in aller Ruhe in der alten Umgebung einfinden und zurechtfinden. Extra für den 25-Jährigen hatte Trainer Klopp am dritten Spieltag der Bundesliga daher sogar das alte 4-2-3-1-System wieder ausgepackt, mit dem der BVB in Kagawas erster Dortmunder Episode so stilsicher und erfolgreich war. „Wir wollen es ihm möglichst leicht machen“, begründete der Coach den Rückgriff auf Bewährtes. Zuletzt hatte es der BVB vermehrt mit einer Raute im Mittelfeld probiert, um das Spiel mehr auf die neuen Spitzen Adrian Ramos und Ciro Immobile zuzuschneiden.

Treffer im Jubiläumsspiel
Und so brauchte der Acht-Millionen-Mann wirklich nur eine halbe Stunde, um sich zurechtzufinden und seinen Schatten loszuwerden: Freiburgs Kapitän Julian Schuster folgte ihm zunächst auf Schritt und Tritt. Mit einem ersten Distanzkracher nach fünf Minuten scheiterte Kagawa noch deutlich. Bei einem gefährlichen Konter über Milos Jojic und Kevin Großkreutz in der 21. Minute hatte Freiburgs Marc-Oliver Kempf noch etwas gegen das Happy-End dieses Fußballmärchens und klärte in letzter Sekunde zur Ecke.

Doch dann gab es kein Halten mehr: Erst schickte Kagawa seinen Buddy Großkreutz mit einem Traumpass auf die Reise, der wunderbar zum Torschützen Adrian Ramos quer legte (34.). Und nur acht Minuten später durfte sich der Japaner selbst feiern lassen, als er abgezockt auf 2:0 erhöhte. Vorausgegangen war ein toller Konter über Großkreutz und Ramos. Für Kagawa war es der erste Bundesliga-Treffer nach 875 Tagen. Mit dem bislang letzten machte er Dortmund vor gut zwei Jahren wieder zum Meister, es war das entscheidende 2:0 am 32. Spieltag gegen Borussia Mönchengladbach. Insgesamt gelang ihm nun schon sein 22. Bundesliga-Treffer, und das im Jubiläumsspiel, der Nummer 50.

Der Körper spielt noch nicht wieder mit
Es hätte sogar noch besser kommen können, denn Kagawa gelang noch ein weiterer Sensationspass, den Ramos allerdings nicht unter Kontrolle brachte. Nichts verlernt auf der Insel, möchte man sagen, und auch der Spieler selbst beeilte sich hinterher, seine Zeit in England nicht zu negativ zu verkaufen. „Auch in zwei Jahren bei Manchester United habe ich dazugelernt“, sagte der Regisseur trotzig über die schwere Zeit, die er entweder auf der falschen Position auf der Seite verbrachte oder sogar als Bankdrücker. Kein Wunder also, dass die Freude über Rückkehr zum BVB aus jeder Pore drang. „Es ist sehr erfrischend, wieder diesen schnellen Fußball mit Gegenpressing zu spielen hier in Dortmund.“ Das allerdings war der einzige Haken des umjubelten Comebacks. Denn nach gut einer Stunde war bereits vorzeitig Schluss für den Mittelfeldspieler. Von Krämpfen geplagt schleppte sich der Japaner unter Hilfe vom Platz, während die gut 80.000 im Stadion eine weitere ohrenbetäubende Seelenmassage betrieben.

Dass die Kraft noch nicht reicht bei Kagawa, obwohl dieser nach frühem WM-Aus mit den Blauen Samurai in Brasilien doch eine ausgiebige Saison-Vorbereitung genoss, sollte dem BVB also ein wenig zu denken geben. Schon am Dienstag in der Champions League gegen den FC Arsenal wird sich zeigen, wie weit der von seiner Fitness so abhängige Offensivwirbler der Borussia wirklich schon helfen kann. Beim BVB ist man sich dieser Einschränkung aber sehr wohl bewusst. „Er wird noch ein bisschen aufholen müssen, um unser Tempo in den nächsten Wochen mitzuspielen“, sagte Teamkollege Sebastian Kehl und warb um Geduld.

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