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Watzkes erstaunlicher Wandel

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Der BVB-Chef hat aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt und seine Dortmunder Borussia mit frischem Blick zurück auf Kurs gebracht.

Der Artikel lief am 27. Oktober 2018 bei zdfsport.de

Zufrieden, aber nicht euphorisch schritt Hans-Joachim Watzke über den Platz. Gerade hatte seine runderneuerte Dortmunder Borussia auch international die erste Reifeprüfung bestanden und die Defensivkünstler von Atletico Madrid mit 4:0 aus dem früheren Westfalenstadion geschossen.

Am Mittelkreis herzte er Axel Witsel, der die Tor-Gala eingeleitet hatte. Der Belgier war bester Spieler dieses denkwürdigen Europapokal-Abends – und sein Wechsel aus Chinas Operettenliga zu den Westfalen offensichtlich einer von zuletzt vielen guten Kniffen des BVB-Chefs Watzke.

Das BVB-Gefühl ist wieder da
Mit makellosen neun Punkten und 8:0-Toren in der Gruppe A steht Dortmund mit einem Bein im Achtelfinale der Champions League. Auch die Bundesliga führt die schwarz-gelbe Torfabrik vorm neunten Spieltag an, mit 27:8 Treffern und 20 Punkten. Die Pflichtspiel-Bilanz bis zur Heimpartie gegen Hertha BSC: zehn Siege und zwei Remis. Wie lange dieser Höhenflug hält und ob der BVB sogar das Zeug zum Titel hat, ist noch nicht absehbar. Aber wichtiger: Die Borussia macht wieder Spaß, die schwarz-gelbe Gemeinde rückt nach der enttäuschenden Vorsaison zusammen. Schon vorm Atletico-Rausch hatte Watzke berichtet: „Das BVB-Gefühl ist wieder komplett da.“

Königstransfer Witsel
Etwa zur Jahreswende 17/18 muss es Watzke gedämmert haben, dass ein grundlegender Wandel bei seinem Herzensklub nötig ist. Der spielerische Absturz seit Beginn des 2. Saisondrittels hielt trotz besser werdender Liga-Resultate an. Aus anfänglicher Einsicht, das verunsicherte Team „personell neu zu justieren“ wurde bald die Gewissheit, einen echten Umbruch einleiten zu müssen. Mit der Verpflichtung von „Mentalitätsspielern“ machte der BVB erste Schritte für mehr Angriffslust, Teamgeist und einen besseren Spielermix aus Routiniers und Youngstern. Der abgebrühte Witsel wurde so zum Königstransfer, auch Thomas Delaney hat seinen Wert bereits angedeutet.

Favre tut dem Verein gut
Bei der Aubameyang-Nachfolge ließ sich der Verein weder vom Transferwahnsinn noch vom Boulevard treiben: In Mittelstürmer Paco Alcacer fand sich eine späte, aber kreative Lösung. Dazu bewies der BVB-Chef ein glückliches Händchen bei der Trainerwahl: Lucien Favre tut dem Verein offensichtlich gut mit seiner Liebe zum Detail, dem Glauben an eine spektakuläre Spielphilosophie und dem Willen, Jungstars wie Sancho, Hakimi und Co. zu fördern. Wenn Favres Verpflichtung schon im ersten Anlauf im Sommer 2017 geklappt hätte, wären Watzke vielleicht einige schwere Stunden erspart geblieben.

In der Krise kritikresistent
Andererseits war die Katharsis vielleicht auch nötig, um Watzkes eigenen Lernprozess anzutreiben. In der Vorsaison hatten selbst Hardcore-Fans schwer an der scheinbaren Hybris des BVB-Chefs zu knabbern. Während das Team in Europa peinliche Auftritte aneinander reihte, in der Bundesliga das Minimalziel Rang vier in Gefahr geriet und allgemein das Zuschauen zur Qual wurde, bügelte Watzke alle Kritik vehement ab: Die drei vorzeitig terminierten Trainer-Experimente mit Tuchel, Bosz und Stöger redete er schön. Vielleicht auch als Reflex, um seine Mannschaft in Schutz zu nehmen, als die Spätfolgen des Bomben-Attentats auf den BVB-Bus immer deutlicher wurden.

Das eigene Sicherheitsnetz gespannt
Bei einer Talkshow der „Ruhr Nachrichten“ etwa schwelgte Watzke lieber in der Erinnerung an die Klopp-Ära oder brüstete sich, nicht einmal sein Freund Jose Mourinho könne sich einen Reim auf die Rätsel-Borussia machen. Mit dem Kurzausflug zum TV-Boulevard war Watzke vermutlich auch nicht gut beraten. Gleichzeitig spann der Boss, der trotz Krisenjahr inklusive Boni gut 2,5 Millionen Euro verdiente, das eigene Sicherheitsnetz und ließ seinen Vertrag vorzeitig bis 2022 verlängern.

Ein frischer Wind im Klub
Umso erstaunlicher, dass Watzke zu früherer Souveränität zurückfand. Mit Sportdirektor Michael Zorc gelangte er offenbar zur Einsicht, den Tanker Borussia nicht mehr alleine steuern zu können und öffnete sich einer neuen Kritik-Kultur: Matthias Sammer kam als Berater für den frischen Blick von Außen. Und als Zorc vorschlug, Klub-Urgestein Sebastian Kehl zum „Leiter der Lizenzspieler“ zu machen, war Watzke „sehr angetan“. Auch klubintern stieß er den Wandel an. So verpflichtete er die gut 850 Angestellten mit „Nullneun Thesen“ auf alte BVB-Werte. Und schließlich überraschte Watzke mit der Ankündigung, der Verein wolle künftig auch gesellschaftspolitisch Profil zeigen.

Große Ziele für den BVB
Das sind ambitionierte Projekte. Um die Mannschaft dauerhaft als „Leuchtturm“ in der Bundesliga und darüber hinaus zu etablieren, muss Watzke wirtschaftliche Weichen stellen. Auch hier hat die vergangene Saison Dellen hinterlassen. Dank lukrativer Spielerverkäufe konnte Borussias Macher eine Rekordbilanz präsentieren. Aber transferbereinigt waren Umsatz, Gewinn oder die TV-Erlöse rückläufig. Eine Unternehmensberatung soll den BVB fit machen für Weltmarkt und Digitalisierung, mit einer eigens entwickelten Wachstumsstrategie. Bis 2025 will die Borussia auch ohne Transfers die magische Umsatzmarke von 500 Millionen Euro knacken. Dann könnte Watzke, der die Geschäfte nicht bis zum Rentenalter führen will, den Staffelstab beruhigt an einen Nachfolger weitergeben.

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