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Dortmund und das große Götze-Rätsel

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Was wird bloß aus Borussia Dortmunds früherem Darling? Mittelfeldspieler Mario Götze steht vor der wohl wichtigsten Saison seiner Karriere.

Mario Götze krempelt im Trainingslager kräftig die Ärmel hoch. Genau das will Double-Sieger Borussia Dortmund nach dem wohl schwierigsten Halbjahr seiner Karriere sehen. Aber vielleicht nimmt Götze das auch allzu wörtlich: In der Hitze des Ri-Au-Sportplatzes in Bad Ragaz ist der knackig braune BVB-Star alle dreißig Sekunden damit beschäftigt, seine inzwischen imposanten Oberarme für weitere UV-Bestrahlung freizulegen. Die beiden Armkettchen an den Handgelenken schimmern dabei in der Sonne – auch bei den schweißtreibenden Einheiten trägt er Schmuck.

Während die Teamkollegen konzentriert jedem Ball hinterher jagen und sich – für den Moment jedenfalls – nicht für Modefragen interessieren, scheint Dortmunds früheres Darling ein wenig mit sich selbst beschäftigt. Ausgerechnet jetzt. Denn der 20-Jährige steht vermutlich vor einem definierenden Moment seiner Karriere.

Klopp: „Wollen sein Potenzial wieder zum Vorschein bringen“
Noch vor wenigen Monaten sah es so aus, als ruhe das Schicksal des BVB einzig und allein auf den damals noch etwas schmaleren Schultern seines Shooting-Stars. Überragend, was Götze im Jahr der ersten Meisterschaft unter Trainer Klopp geleistet hatte. Weltklasse, wie der Youngster bis ins Nationalteam vorpreschte und schließlich bei der Gala gegen Brasilien ein Millionenpublikum verzauberte. Europas Topklubs standen Schlange, Arsenal London lockte angeblich mit einer Ablösesumme von 40 Millionen Euro. Ein Sportartikelhersteller überschüttete den Jüngling mit Geld und ließ ihn in Werbespots an der Seite von Weltstars wie Cristiano Ronaldo auftreten.

Und nun: Real, Barcelona, ManUnited – Götzes natürliche Bühne erscheint zwischenzeitlich so weit weg wie das Ri-Au-Stadion vom Camp Nou. „Wir wollen sein großes Potenzial wieder zum Vorschein bringen“, sagt Trainer Jürgen Klopp ungewohnt defensiv. Alle Knöpfe stehen auf Reset beim deutschen Jahrhunderttalent.

Ersatzmann Blaszczykowski läuft ihm den Rang ab
„Die letzten Wochen müssen für ihn zum Verzweifeln gewesen sein“, sagt Mittelfeldspieler Ilkay Gündogan. Der Fußballgeschäft wartet nicht auf frühere Helden – diese bittere Erfahrung macht Götze gerade zum allerersten Mal in seiner Laufbahn. Als der BVB-Star Anfang 2012 mit einer Schambeinverletzung ausfiel, erst für einige Wochen, wie es zunächst hieß, dann sogar für Monate, brach der Titelverteidiger nicht etwa ein, sondern setzte mit Ersatzmann Jakub Blaszczykowski noch glanzvoller den Weg Richtung Doublesieg fort.

Im Saisonfinale bekam Götze einige Kurzeinsätze geschenkt, aber bei der EM war das größte Talent des deutschen Fußballs – obwohl wieder fit – bis auf zehn Minuten völlig abgemeldet. Selbst in der Stunde der größten DFB-Not beim Halbfinal-Aus gegen Italien. So muss sich Götze vor der Saison 2012/2013 mit so profanen Dingen rumschlagen wie der Rückeroberung seines Stammplatzes. Im Trainingslager in der Schweiz heißt das: Gas geben, angreifen.

Auch Reus stellt Ansprüche auf einen Stammplatz
Talent allein ist keine harte Währung im Profifußball. Öfters als die Kollegen steht er auf dem Rasen, die Arme auf die Knie gestützt, und atmet durch. Sein direkter Konkurrent Kuba, eines dieser BVB-Laufwunder, hat gerade frisch verlängert und wird seine Position mit Zähnen und Klauen verteidigen. Auch der Weg ins Zentrum scheint verstellt – trotz des Abgangs von Lenker und Denker Shinji Kagawa. Denn dort hat die Borussia ihm Marco Reus vor die Nase gesetzt. Der Rückkehrer hat dem Kollegen allein durch den Glanz des Neuen den Rang abgelaufen, in der Fangunst und im Team.

Es ist nur schwer vorstellbar, dass der BVB seinen 17-Millionen-Mann auf der Bank versauern lässt. „Mario hat sein Lächeln verloren“, äußerte kürzlich BVB-Kapitän Sebastian Kehl voller Sorge. Ob Götze seine Unbeschwertheit wieder findet und damit den Weg zurück in die Stammelf – das gehört zu den wohl spannendsten Geschichten der neuen Saison.

Götze geht auf Tauchstation
Zumal da noch dieser andere Aspekt im Hintergrund lauert. Der Boulevard hat Götze als lohnendes Ziel entdeckt. So spionierte eine Schweizer Zeitung dem deutschen Nationalspieler im Badeurlaub nach und fotografierte den Star in misslichen Posen. Götzes Management wehrte sich gerichtlich gegen den Abdruck, aber was heißt das schon in Zeiten des Internets.

Seitdem geht das Talent auf Tauchstation, meidet Interviews und Gespräche mit den Medien. Selbst der BVB sieht sich inzwischen genötigt, bunten Geschichten vorzubeugen. „Er hatte keine Auseinandersetzung, sondern lediglich Zug im Gesicht bekommen“, verkündete der Klub jüngst, um wilde Gerüchte über sein geschwollenes Auge schon im Ansatz zu unterbinden.

Kein Testspiel-Einsatz wegen Augenverletzung
Dieses hat im Übrigen seinen Einsatz im jüngsten Testspiel in St. Gallen verhindert. Zu gefährlich, falls ein Ball drauf kommt, sagte der Arzt. Auch das noch, wo Götze doch gerade jede Gelegenheit braucht, um zu punkten und sein künftige Rückennummer 10 zu rechtfertigen. Glück für ihn, dass er beim immer noch etwas gemütlichen BVB diesen Kampf führt, dem „Klub, in dem er sich am wohlsten fühlt“, so Klopp. Beim FC Bayern oder einem noch größeren Verein würde das große Götze-Rätsel vermutlich wochenlang die Schlagzeilen beherrschen.

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