Athletic Brandão

Grundsolider Zaubersport

Der Dome, der Strom und ein lässiger Matchwinner

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Weil vor den Augen der Welt die Lichter ausgehen, geraten der Super-Bowl-Ausrichter New Orleans und die National Football League in Erklärungsnot. Dem Quarterback des neuen Champions Baltimore Ravens dürfte das egal sein, zur Not geht er wieder Kaffee-Trinken mit den Fans.

Schon am Morgen nach der peinlichen Panne war es Zeit für kritische Fragen. Während sich die müden Champions der Baltimore Ravens nach einer durchzechten Nacht per Motorrad-Eskorte aus der Party-Metropole New Orleans kutschieren ließen, musste sich Doug Thornton, Manager des Superdomes, gegenüber US-Medien rechtfertigen: Warum fiel beim größten US-Sportereignis der Strom aus und ließ über 70.000 Fans, Promis, Spieler und Funktionäre im Stadion, sowie Hunderte Millionen von TV-Zuschauern in aller Welt quälend lange 35 Minuten auf die Fortsetzung des 47. Super Bowls warten? Eine echte Erklärung hatte er nicht parat.

Das Symbol bekommt neue Kratzer
„Es scheint fast so, als könnten wir dieser weltweiten Aufmerksamkeit nicht entkommen“, sagte Thornton fast schulterzuckend und spielte darauf an, dass seine Arena schon als Horror-Unterkunft während der Hurrikan-Katastrophe Katrina im globalen Fokus stand. „Es waren unglückliche Umstände, ausgerechnet in diesem großen Moment für die Stadt.“ Ein Sensor hatte einen Fehler im Stromkreislauf erkannt und das Stadion in ein schummriges Notlicht getaucht, fast wie bei der Naturkatastrophe im Jahr 2005. „Das ist alles sehr enttäuschend“, sagte Thornton, der nach Katrina erfolgreich gegen den Abriss des mittlerweile 38 Jahre alten Superdomes und für dessen Modernisierung gekämpft hatte. „Seine Rettung ist ein Symbol für die Zuversicht in dieser Stadt”, hatte er noch kurz vor dem Spiel im Interview mit athletic-brandao gesagt.

Dieses Symbol hat erneut Kratzer abbekommen, und ob der Superdome angesichts des zu vermutenden PR-Desasters in nächster Zeit wieder einen Super Bowl ins vibrierende New Orleans holen kann, darf bezweifelt werden. Zwar gab sich Roger Goodell, Chef der mächtigen National Football League NFL, versöhnlich: „Was passiert ist, hat keinen Einfluss auf zukünftige Endspiele in New Orleans. Wir wollen hierhin zurückkehren.“ Aber auch wenn die wieder höchst lebendige Metropole im Süden Louisianas eine großartige Gastgeberin war – die Blamage am Spieltag strahlt auf die NFL und ihr Milliarden-Dollar-Business ab. Noch so einen Patzer kann sich der ambitionierte Verband kaum leisten. Vielleicht verstärken die Ereignisse auch die Rufe nach einer neuen Heimat für das lokale Football-Team der New Orleans Saints.

Dass es rund um den Stromausfall im Superdome eine klasse Show und ein sensationelles Football-Finale zu bestaunen gab, geriet da fast in den Hintergrund. Jennifer Hudson und der Chor der Sandy-Hook-Grundschule aus Newton/Ohio, an der vor einigen Wochen bei einem Amoklauf 27 Menschen ums Leben kamen, rührten die Zuschauer mit „America the beautiful“ zu Tränen. Auch Alicia Keys traf bei ihrer Moll-Version der US-Nationalhymne den Ton. Und dann startete auf dem Rasen ein Krimi, der schon jetzt das Zeug zum Klassiker hat. Der überragende Quarterback Joe Flacco führte die Baltimore Ravens schließlich zu einem 34:31 über die San Francisco 49ers – in diesem unscheinbaren Ergebnis steckt aber eine Riesendramatik.

Die Verteidigung stoppt den 49ers-Zauber
Als Baltimores Kickreturner Jacoby Jones gleich zu Beginn der 2. Halbzeit mit einem Rekordlauf über 108 Yards das gesamte Feld überbrückte, leuchteten satte 22 Punkte Vorsprung von den noch bunten Videoleinwänden. Nur ein böser Voodoo-Zauber schien die Ravens noch stoppen zu können – oder eben ein Stromausfall: Die grandiose Aufholjagd der 49ers begann. Nicht nur Ravens-Trainer John Harbaugh hatte den Eindruck, die Stadiontechniker hätten bei der Reparatur des Stromkreislaufs bei seinem Team den Stecker gezogen – und bei San Francisco wieder eingestöpselt: „Die 49ers sind einfach besser mit der Situation zurechtgekommen und konnten das Spiel fast drehen.“

Denn plötzlich stand San Francisco so sehr unter Strom, wie zuvor ausschließlich die Ravens. Nun ließ die 49ers-Defensive fast nichts mehr zu, und in der Offensive zeigte Quarterback-Hoffnung Colin Kaepernick mit Anlauf seine Klasse. In seinem erst neunten Spiel von Beginn an trieb der 25-Jährige das Team zu drei Touchdowns. Einen davon erlief er über stolze 15 Yards höchstselbst und stellte damit einen Super-Bowl-Rekord auf. 1:49 Minuten vor Spielende hatte er sogar den Sieg in der Wurfhand, doch fünf Yards vor der Endzone fand Baltimores Verteidigung zu alter Kraft zurück und stoppte den Zauber.

Flacco mischt sich unter die Fans!
Anstelle der Kalifornier, die im sechsten Anlauf ihre erste Finalniederlage kassierten, blieben daher die Ravens mit ihrem zweiten Sieg im zweiten Endspiel perfekt. Deren ebenso schillernder wie umstrittener Superstar Ray Lewis bekam in seinem letzten Auftritt einen Abschied nach Maß, obwohl sich der Abwehrspieler nicht groß in Szene setzen konnte. In der Offensive reichten zwei weitere Feldtore nach dem Stromausfall zum Sieg. „Es ist nie hübsch, es ist nie perfekt. Aber so sind wir. So ist Baltimore“, sagte Harbaugh nach seinem Debüt-Erfolg eher erleichtert als überschwänglich. Im mit Spannung erwarteten „Har-Bowl“ – dem Duell mit seinem Bruder Jim als Chefcoach auf Seiten der 49ers – behielt er die Oberhand, feierte den Sieg aber verhalten. Der Weg zu seinem unterlegenen Bruder fiel dem mitfühlenden Familienmenschen schwer: „Nach Abpfiff quer übers Feld zu Jim zu gehen, war für mich der schlimmste Moment des Abends. Ich war gleichzeitig so unglaublich euphorisch und so furchtbar niedergeschlagen.“ Während des Spiels hatte John die besseren taktische Kniffe parat, zum Beispiel mit einem Fake bei einem Feldtor, auch wenn dieser nicht klappte. Oder kurz vor Schluss, als er bewusst zwei Punkte für die 49ers in Kauf nahm, um die Spieluhr entscheidend herunter laufen zu lassen.

Den Grundstein für den Gewinn der Vince-Lombardi-Trophäe legte aber Baltimores Quarterback Flacco. Noch am Tag vor dem wichtigsten Spiel seiner Karriere hatte er sich zwischen die Fan-Massen gewagt, hatte im Café du Monde, einer Touristenattraktion im Big Easy Station gemacht und war dann auf dem Fahrrad zurück ins Hotel gefahren. „Was sollte ich denn machen? Es war schließlich Samstag“, sagte Flacco später lakonisch. Offensichtlich war es keine störende Vorbereitung, denn mit tollen Würfen, klasse Befreiungsaktionen und Nerven aus Stahl brachte er sein Team früh auf Kurs. Drei Touchdownpässe und 192 seiner insgesamt 287 Yards gelangen dem 28-Jährigen in einer perfekten ersten Halbzeit.

Joe Cool bringt nichts aus der Fassung
Seine Statistiken danach waren weniger beeindruckend, aber das verwundert kaum. Denn unglaubliche 84 Minuten (!) lang standen er und seine Offensivkollegen der Ravens zwischenzeitlich nicht auf dem Feld – die fade Halbzeitshow von Popstar Beyoncé Knowles, der Stromausfall und der Beginn der 49ers Drangperiode nach seiner letzten Ballberührung zusammengerechnet. Trotzdem unterlief dem Spielmacher kein einziger Fehler, damit beendete er auch die gesamten Playoffs ohne groben Patzer. Mit insgesamt elf Würfen in die Endzone stellte er den NFL-Rekord für K.-o.-Spiele ein und machte als wertvollster Spieler der Partie beste Eigenwerbung für einen neuen, hoch dotierten Vertrag, der bald fällig ist. 20 Millionen Dollar Jahresgehalt sind im Gespräch für „Joe Cool“, den kein Stromausfall oder Voodoo-Zauber aus der Fassung bringen kann: „Ich weiß ja nicht, wie es im Fernsehen aussah. Aber die Spieler hätten meine Bälle auch so sehen können.“

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    Ein Kommentar

    1. Wie immer, erstklassig geschrieben. Lesenswert, Danke!

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