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Neapel - Blick auf die Stadt und den Vesuv.

Abenteuer Auswärtsfahrt: Napolis Nacht des langen Messers

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Grüße aus Solingen, Baumschnitt auf kampanisch, die Busfahrt des Grauens und, ach ja, ein Dortmunder Fußballspiel zum Vergessen. Ein Reisebericht.

Plötzlich blinkt die Klinge im Scheinwerferlicht. Gerade einmal drei Stunden sind wir in Neapel, diesem verrückten, chaotischen und eigentlich doch liebenswerten Moloch Süditaliens. Es ist weit nach Mitternacht an der Piazza Gueso Nuovo, wir sind in einer Kifferbar gelandet. Solideres war auf die Schnelle nicht zu finden. Auf einmal will uns ein Eingeborener mit einem Messer ans Leder. Klischee-Alarm in der Brutstätte des organisierten Verbrechens! Aber es ist die Wahrheit. Es geht um einen simplen Dortmund-Schal, den der Napoli-Anhänger küsst, als stehe groß Gonzalo Higuain drauf geschrieben, der Name des neuen SSC-Helden und künftigen BVB-Alptraums. Aber es ist unser Talisman, den er da hält, und auf Geschenke müssen die „Partenopei“ noch bis zum Spiel in der Champions League gegen die Borussia warten. Mein Kumpel nimmt dem Typen den Schal kurzerhand wieder weg – und steckt die rasch folgenden Grüße aus Solingen gedanklich locker weg. Er ist Banker und fiese Typen gewohnt. Aber mir alter Schissbuxe schießt das Adrenalin durch den Körper. Blöder Spruch, kann ich nur noch denken, wer hat es sich bloß ausgedacht, dieses „Neapel sehen und sterben.“

1. Die Anreise – gefangen im Buchungswahnsinn
Von Anfang an steht die Reise unter einem unglücklichen Stern. Düsseldorf-Frankfurt-Neapel hatte ich gebucht, mit einer Bahnfahrt zu Beginn, weil es sagenhafte 150 Euro billiger war als direkt vom größten deutschen Flughafen. Zum Glück rief ich am Tag vorher noch bei der Fluglinie an, um zu fragen, ob es eine Zugbindung nach Frankfurt gibt. Düsseldorf brauchen wir nicht, sondern wollen lieber von Mainz ins Abenteuer starten, was rein technisch gesehen kein Gleis Unterschied macht. „Wenn Sie ihre Bahnbuchung nicht voll in Anspruch nehmen, verfällt auch der Flug nach Neapel“, eröffnet mir die Dame von der Hotline. „Das System denkt, Sie wären nicht an Bord.“ Ach, so? Das System denkt. Skurrile Geschäftspolitik, jedenfalls. Ressourcen sparen verboten. Je mehr Stationen, desto billiger. Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich nach dem Länderspiel in Färöer über Kopenhagen, Moskau, Dubai und Athen auf den Stiefel geflogen.

2. Die Ankunft in Napoli – mit Affenzahn durchs Labyrinth
Im Flieger scheint sich das Blatt kurz zu wenden. Unsere Sitznachbarin ist eine flotte Süditalienerin. Aber nur vermeintlich, denn plötzlich präsentiert sie eine Tasche und Fanklamotten mit dem Logo von Schachtar Donezk, dem ukrainischen Achtelfinalgegner des BVB der vergangenen Saison. Da hat man ja gleich ordentlich was zu quatschen und muss sich nicht übers Wetter herantasten oder den Weltfrieden. Auch die Taxifahrt von Neapels Flughafen ins Hotel ist ein Erlebnis. Nachdem wir dem Kutscher verklickern, dass die Ultras von Dortmund und Neapel in Catania gemeinsame Brüder haben, ist das Eis gebrochen. Stolz erzählt er uns von seinen eigenen Reiseplänen zum Rückspiel im Westfalenstadion. Er fragt wissbegierig nach der Verletzung von Sebastian Kehl und der Form von Robert Lewandowski – immer das Handy in der Hand, um den Google-Übersetzer zu traktieren. Gleichzeitig jagt er im Affenzahn durch die immer enger werdenden, dunklen Gassen der Millionen-Metropole. Dieser Mann könnte mit hundert Sachen unfallfrei durch eine Lücke des Labyrinths rasen, die nur zwei Zentimeter breiter ist als sein Auto.

2. Das Erlebnis – Adrenalinschub der hässlichen Art
Selbst unser verstecktes Bed & Breakfast findet Italiens Evil-Knevil-Imitator im Gewirr der Gassen, obwohl Hinweise darauf erst auf den dritten Blick zu sehen sind. Nach dem Anmelden, Taschen abstellen und schnell, aber gründlich in die Rezeptionistin verlieben (hach!), wagen wir uns zu Fuß ins Unbekannte der Nacht. Was man halt so macht, wenn man in eine fremde Großstadt mit zweifelhaftem Ruf reist. An der verhängnisvollen Piazza werden wir reich für unseren Mut belohnt. In einer abgeschrammelten Bar finden wir eisgekühltes Peroni, die handlichen 0,66-Literflaschen für zwei Euro das Stück, Personal mit Ultra-Hintergrund und ein Maradona-Wandgemälde als perfekten Blickfang. Bis unser Messermann auftaucht und ein Gesicht macht wie BVB-Trainer Jürgen Klopp im Zwiegespräch mit Vierten Offiziellen.

3. Der Ausflug – Grünpflege auf neapolitanisch
Damit ist leider der Ton für den nächsten Tag gesetzt. Das Schockerlebnis geht mir nicht aus dem Kopf. Ich fühle mich genauso kaputt wie unser Reiseziel Pompeji, wo ja bekanntlich kaum noch ein Stein auf dem anderen steht. Dabei würde ich lieber an spätrömischer Dekadenz zugrunde gehen als an äußeren Feinden. Das Gefühl von Zerstörung, der Anblick der Gips-Güsse von toten Pompejiern, die vor gut 2000 Jahren von Lava und Staubwolke überrascht wurden, tragen auch nicht gerade zum Stimmungswandel bei. Selbst das Ambiente passt furchtbar gut in diese Depri-Phase. Verranzte Bahnhöfe und verschrammelte Züge wohin das Auge reicht. In Neapel und Umgebung werden offenbar keine Bahnen auf den Weg geschickt, die nicht komplett mit Graffiti zugepflastert und marode sind. Bemerkenswert ist auch Neapels Beitrag zur öffentlichen Grünpflege: In den offenen Waggon-Fenstern verfangen sich die über die Gleise gewachsenen Büsche und werden vom scharfen Fensterrahmen auf ein perfektes Maß zurückgestutzt. Unser Sitznachbar sieht durch das Schnittwerk bald so aus, als würde er sich stümperhaft für die Jagd tarnen.

4. Der zweite Versuch – Brinkhoff‘s erlaubt, Fußballgespräche nicht
Immerhin endet der zweite Abend versöhnlich. Nachdem wir uns an der zu kleinen Eingangstür unserer Herberge zum zwölften Mal den Kopf stoßen, ein Bett durch bloßes drauf sitzen ruinieren und kurzerhand in ein anderes Zimmer umrenoviert werden, gibt es in der Geburtsstadt der Pizza eine „Chef“ für mich, die so groß ist wie der Mittelkreis eines Fußballfeldes. Dazu einige Bierre Moretti – und alles für nur 16 Euro. Dass die Pinte nicht die Dienstagsspiele der Champions League zeigt, ist nur anfangs ärgerlich. Angesichts der Ergebnisse verzichten wir nachträglich gerne drauf. Nur Kopenhagen vs. Juve hätte was hergegeben. Gegen 23 Uhr stößt dann auch noch unser dritter Mann dazu, und alles ist wieder im Lot. Den Schal-Zwischenfall schweigen wir einfach tot. Unser zweiter Kneipenabend ist dann auch eher skurril als gefährlich. Erneut verirren wir uns zielsicher in eine Ultra-Kneipe. Obwohl Brinkhoff‘s Bier aus Dortmund gereicht wird, rät uns einer der Barkeeper, lieber nicht über Fußball zur reden. Später machen wir am Hafen noch die Bekanntschaft eines kellnernden Neapelfans, der andauernd Spielernamen brabbelnd bei uns vorbeischleicht und laut von einem 2:1-Sieg seiner Mannschaft träumt. Was für ein Fantast. Im Laufe des Abends verspürt er dann immer mehr den Drang, uns all seine Tätowierungen zu zeigen, bis er irgendwann halbnackt vor uns steht. Puh, bloß weg hier.

5. Der Aufstieg – Scherben, wohin das Auge reicht
Tag drei, Matchday, wie man so schön neudeutsch sagt. Was gibt es Besseres, als vor einer wichtigen Partie stundenlang durch die Stadt zu irren und sich völlig kaputtzumachen. Das Castel Sant‘ Elmo auf dem Vomero ist unser Ziel, und natürlich wäre es zu einfach, mit der kleinen Bergbahn den anspruchsvollen Anstieg zu erledigen. Stattdessen geht‘s immer der Nase nach quer durch das Labyrinth von Neapel, durch enge Gassen hinauf auf den Hügel. Immerhin laufen wir bei Licht, denn nachts wäre das lebensgefährlich: Auf den letzten Kurven vor der Burg sehen wir warum: Die Wege sind übersät mit Scherben von hunderten Bier- und Weinflaschen. Der Jungneapolitaner scheint die Aussichtsplatform am Ende des Anstiegs gerne für späte Trinkgelage zu nutzen und kennt das Wort Glascontainer wohl nur von kopfschüttelnden Touristen aus Alemania.

6. Die Stadionfahrt – Busreise des Grauens
Nachmittags dann erhören wir endlich den Ruf des Stadions. Um es mal wieder ein wenig kompliziert zu machen, planen wir eine getrennte Anreise. Und da habe ich ausnahmsweise mal Glück. Während meine U-Bahn nur eine Viertelstunde unterwegs ist, müssen sich die beiden anderen Jungs mit dem offiziellen Fan-Sammelbus auf eine Odyssee machen. Stolze anderthalb Stunden sind sie unterwegs – bei einer Entfernung Luftlinie von etwa acht Kilometern. Um die Rush-Hour zu umgehen fährt der Bus weiträumig ums Zentrum herum, quält sich aber auch dort von einem Stau in den nächsten. Was für ein Wunder in diesem Verkehrschaos, in dem Ampeln nur empfehlenden Charakter haben. Für Borussen mit Sextaner-Blasen eine echte Prüfung, dafür aber beste Gelegenheit für Völkerverständigung: Es wird von spontanen Fanschal-Tauschaktionen zwischen den Busgefangenen und dem freiheitlich-neapolitanischen Straßenverkehr erzählt – und davon, dass der BVB-Transport ein beliebtes Foto-Objekt wird. Dass zwischendurch ein Neapolitaner vor lauter Begeisterung über die schwarz-gelben Staugenossen auf seinen Vordermann auffährt, versteht sich von selbst. Und noch mehr, dass dies in der Welthauptstadt der Autobeulen beiden Unfallpartnern völlig schnuppe ist.

7. Das Stadio San Paolo – Pleiten, Pech und Pannen
Mein persönliches Chaos-Erlebnis beschränkt sich dagegen aufs Stadion. Der Begriff „von Pontius nach Pilatus“ muss im Stadio San Paolo erfunden worden sein, denn erst nach mehrfacher Umrundung, außerhalb und innerhalb, verlasse ich meine doppelte Umlaufbahn und der vierhundertfünfunddreißigste Ordner, den ich frage, weist mir den richtigen Platz zu. Vermutlich ist meine Kilometerleistung am ersten Spieltag der Gruppenphase der Königsklasse höher als die von Marathonmann Sven Bender. Interessant ist übrigens auch der Moment, in dem man feststellt, warum der Journalisten-Wanderweg im Stadiongraben teilweise überdacht ist. Bierdusche ist das Stichwort. Das perlt.

Vermutlich ist es auch ein Wunder, dass Jürgen Klopp aus dem Hausmeisterkabuff wieder raus fand, in dem er sich nach dem Innenraum-Verweis verschanzte und das Unglück und die vom Tattoo-Stripper vorhergesagte 1-2-Niederlage seiner Elf im Fernsehen verfolgte. Warum kommt mir in den Sinn, dass der Putz dort von den Wänden blättert und ein Sechziger-Jahre-Fernseher mit Drehknöpfen und der Bildschirmgröße eines Torwarthandschuhs auf einem Metall-Klappstuhl rumsteht? Zu viel Kopfkino, Verzeihung. Immerhin habe ich nach dem Spiel wieder Glück. Die letzte Metro ist längst weg, kein Taxi in Sicht und das Stadtzentrum einen Nachtmarsch durch ein Camorra-Viertel entfernt, aber der BVB-Tross ist so freundlich, mich Richtung Hafen mitzunehmen.

8. Die verdammte Technik – Jubelprosa fällt aus
Hatte ich erzählt, dass es mit Internetz in Neapel schwierig ist? Bei der Rückkehr ins Hotel lässt sich nach anfänglichem Erfolg jedenfalls nichts mehr machen, außerdem ist der Akku leer – meiner, und der des Computers. Also spare ich mir meine aktuelle BVB-Geschichte. Vielleicht ist das auch besser so nach den Ereignissen, die Borussia hatte einen gebrauchten Abend, der mir keinerlei Ansatzpunkte für Jubelprosa liefert. Klubpräsident Reinhard Rauballs Spruch, „der Anschlusstreffer kann im direkten Vergleich noch ganz wichtig werden“, ist mir als Hoffnungsschimmer derart kurz nach der Partie noch zu weit weg. Und so beenden wir die Reise ohne eine Spielanalyse, dafür aber stilvoll mit einer letzten Pizza und zwei Moretti.

9. Der Fluchthelfer – mit Enzo auf dem Motorroller
Vermutlich hört sich das alles an wie das geballte Elend – das war es natürlich nicht. Gemessen an den gängigen Vorurteilen war Neapel eine sensationell entspannte Reise. Wir sind von den Italienern freundlich empfangen, toll behandelt oder schlimmstenfalls gänzlich in Ruhe gelassen worden. So haben es wohl auch die meisten der etwa 1500 Fans von Schwarz-Gelb empfunden, die den weiten und teuren Weg an den Vesuv gewagt haben. Dass ich ohne Geld in der Tasche nach Hause gereist bin, liegt ausschließlich an meinem fragwürdigen Konsumverhalten. Selbst vom Abend des langen Messers gibt es noch Positives zu berichten: Es waren die Einheimischen, die uns beschützt haben in misslicher Lage. Fans des SSC Neapel. Die Jungs in der Bar haben ihren dämlichen Mitgenossen kurzerhand vertrieben, und einer von ihnen, Enzo, hat uns sogar noch eine stilechte, filmreife Flucht ins Hotel ermöglicht. Zu dritt auf einem Motorroller sind wir durch die Gassen gebrettert, falls der verrückte Vogel uns auflauern sollte, um doch noch „seinen“, unseren BVB-Schal zu bekommen. Für alle Fälle gab uns Enzo auch noch seine Handynummer, sollten Probleme auftauchen. Gott sei dank blieb die Messerepisode aber nur folgenloser Schmuck für einen kleinen Reisebericht über eine wirklich spannende Auswärtsfahrt.

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