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Tempo, Tempo, Tempo: Dortmunds Powerfußball erklimmt die nächste Stufe

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Gegentreffer? Bedeutungslos. Marco Reus? Hat einen Platz im Himmel sicher. Die Hölle von Neapel? Kann kommen! Nach dem traumhaften Kantersieg über den Hamburger SV strotzt Bundesliga-Spitzenreiter Borussia Dortmund nur so vor Selbstvertrauen.

Bis zum bitteren Ende stand der Hamburger SV unter Belagerung. Selbst als nur noch wenige Minuten zu absolvieren waren, jagte Borussia Dortmunds Rakete Pierre-Emerick Aubameyang noch einem sicheren HSV-Rückpass auf Rene Adler hinterher – und zwang den Torwart der Gäste zu einem verunglückten Schuss ins Aus. 6:2 stand es da bereits für den Spitzenreiter der Bundesliga, doch der BVB zeigte keine Gnade. Vier Tage vor dem ersten Gruppenspiel der Champions League spielten sich die schwarz-gelben Hochgeschwindigkeits-Fußballer in einen wahren Rausch und dachten nicht im Traum daran, sich für den Hexenkessel von Neapel zu schonen.

HSV-Torwart Adler verhindert noch schlimmeres Debakel
Der BVB kommt mächtig ins Rollen, das ist die Quintessenz des 5. Spieltags der Bundesliga. Mit der optimalen Bilanz von fünf Siegen aus fünf Spielen und stolzen 15:4 Toren hat Borussia Dortmund nicht nur einen klubeigenen Startrekord aufgestellt. Viel mehr lieferte das Team von Trainer Jürgen Klopp ein Spektakel ab, das die Fans von den Sitzen riss. „Auch die Haupttribüne hat nach dem Spiel noch lange komplett gestanden, das kommt selbst hier in Dortmund nicht allzu oft vor“, sagte Klopp und war sichtlich beeindruckt vom Auftritt seiner Truppe und von der Atmosphäre im ohnehin feierwütigen Westfalenstadion.

Konterspezialist Aubameyang hatte Gästekeeper Adler gleich zwei Mal schlecht aussehen lassen (19., 65.) und bei dessen Weltklasse-Auftritt für Abzüge in der B-Note gesorgt. Robert Lewandowski (73., 81.) gelang ein weiterer Doppelpack, Henrich Mchitarjan (22.) sowie Marco Reus (74.) erzielten die restlichen Tore für den haushoch überlegenen BVB. Bei unglaublichen 32:4 Torschüssen hätten es noch viel, viel mehr sein müssen. Mats Hummels (13.) und Marco Reus (38.) trafen noch vor der Pause jeweils die Latte, in der zweiten Halbzeit verhinderte Nationaltorwart Adler ein noch größeres Debakel. Gegen die schwarz-gelbe Gegenpressing-Maschine war kein Kraut gewachsen. „Obwohl wir von Tempo, Technik und Spielwitz der Dortmunder wussten, haben wir naiv gespielt“, sagte HSV-Trainer Thorsten Fink, für den es nach der dritten Saisonniederlage wieder ungemütlich werden dürfte.

Klopp: „Zwischenstände haben keine Relevanz“
Vorm Horrortrip nach Dortmund hatte der Hamburger Trainer alle Register gezogen, um vielleicht doch an die beiden Überraschungssiege gegen den Favoriten aus der Vorsaison anzuknüpfen. So schickte er eine Abwehr-Dreierkette in die unmögliche Aufgabe, um mit dem zusätzlichen Mann im Mittelfeld die Räume dicht zu machen und die Angriffe der Borussia im Ansatz zu unterbinden. Doch das ging gehörig daneben, weil Reus, Mchitarjan und Co. einen großen Tag erwischten und auch ohne den verletzten Ilkay Gündogan ein Tempospiel aufzogen, das den Experten Respekt abnötigte und die Fans mit offenem Mund und großen Augen zurückließ. Nachdem seine Mannschaft bereits nach 22 Minuten deutlich hinten lag, beendete Fink das Abwehr-Experiment. Danach kämpfte sich der HSV sogar zum zwischenzeitlichen Ausgleich, weil Zhi Gin Andreas Lam ein Traumtor von der Strafraumkante gelang (26.) und Heiko Westermann kurz nach der Pause die zweite Dortmunder Nachlässigkeit mit einem wuchtigen Kopfball zum 2:2 bestrafte (49.).

Doch das war zu wenig, um dem BVB gefährlich zu werden. Die Dortmunder jagten zu zweit oder zu dritt allen Bällen hinterher und lieferten ein Gegenpressing par excellence – vielleicht sogar besser noch als im ersten Meisterjahr dieser BVB-Generation 2011. Angesichts der kämpferisch, spielerisch, läuferisch überragenden Reaktion der Borussia rutschte Trainer Klopp ein bemerkenswerter Satz heraus: „Zwischenstände haben nur an schlechten Tagen für uns Relevanz.“ Über so weltliche Dinge wie Gegentore ist der BVB offenbar inzwischen hinaus.

Reus mit seinem besten Spiel für Schwarz-Gelb
Schwarz-Gelb fuhr einfach einen Angriff nach dem nächsten und ließ sich selbst von Misserfolgserlebnissen in Serie nicht aus der Ruhe bringen. Bestes Beispiel dafür war Mittelfeldakteur Reus. In seinem wohl besten Spiel im Dortmunder Dress spulte der Nationalspieler ein Riesenpensum ab. Er trieb seine Mannschaft immer wieder nach vorne und hatte nach seinem Lattentreffer noch drei weitere Großchancen, mit denen er im zweiten Durchgang an Adler scheiterte.

Trotzdem hatte er die Nerven, bei einem spektakulären Konter auf den fälligen Torschuss zu verzichten – zum Wohle des Teams: Der noch besser postierte Lewandowski bedankte sich für die Selbstlosigkeit des Kollegen mit dem Treffer zum 4:2, der letzte Zweifel am Erfolg der Westfalen beseitigte. „Wer solche Bälle durchlässt, kommt in den Himmel“, flüsterte Klopp seinem Spielgestalter noch auf dem Rasen ins Ohr, wie er später freimütig bekannte. Reus belohnte sich derweil lieber schon zu Lebzeiten und feierte nur eine Minute nach der feinen Zusammenarbeit doch noch einen eigenen Torerfolg.

Hummels findet zu sich selbst
Im Schatten der Dortmunder Angriffsmaschinerie hatte sogar ein Sorgenkind Zeit, sich frisches Selbstvertrauen zu holen: Mats Hummels, der im jüngsten Bundesligaspiel in Frankfurt nach schwacher Leistung zur Halbzeit ausgewechselt worden war und bei der Nationalmannschaft zuletzt sogar seinen Stammplatz verloren hatte. Gegen Hamburg spielte der Innenverteidiger die Partie souverän herunter und war zweikampfstärkster Akteur auf dem Platz. 92 Prozent aller Duelle gingen an ihn.

Hummels fokussierte sich dieses Mal auf Grundlegendes: Er ließ Ausflüge in die gegnerische Hälfte und seine berühmt-berüchtigten Risikopässe fast völlig außen vor. Der 24-Jährige gewann mit einem mehr als soliden Auftritt alte Sicherheit zurück, die er und die BVB-Abwehr am Mittwoch im Stadio San Paolo beim SSC Neapel gut gebrauchen können. Auch wenn die Borussia in ihrer aktuellen Form jederzeit in der Lage scheint, ein Tor mehr zu schießen, als sie bekommt.

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