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Dortmund exportiert die Krise nach Europa

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Nun also auch in der Champions League: Der wankende BVB gibt bei der Pleite beim FC Arsenal ein erschütterndes Bild ab. „Das war ein Rückschritt“, sagt selbst einer der Spieler.

Am Ende gab es sogar spontan Beifall, nicht nur von den gut 4000 mitgereisten Fans von Borussia Dortmund. Auch die wenigen im Emirates-Stadion verbliebenen Anhänger des FC Arsenal klatschten wohlwollend, als die Westfalen weit nach Schlusspfiff mit hängenden Köpfen vom Rasen schlichen. Der aktuellen Leistung des Auswärtsteams galt diese faire Geste sicher nicht, denn bei der 0:2-Pleite in London präsentierte sich der BVB in allerschlimmster Bundesliga-Form und besaß nicht einmal den Hauch einer Chance.

Vielmehr hatten die Arsenal-Anhänger wohl das Gefühl, sich nach den stets packenden Duellen der jüngeren Vergangenheit noch für den schwarz-gelben Vollgasfußball früherer Jahre bedanken zu müssen, ehe dieser möglicherweise bald für lange Zeit von der Bildfläche verschwindet.

Gündogan trotz fehlender Fitness noch der Beste
Mit Karacho hat der BVB seine sportliche Krise nun auch in die Champions League exportiert, damit bleibt sich der einstige Powerklub immerhin treu. Zwar hat die erste Vorrunden-Pleite keine direkte Auswirkung auf die bereits fürs Achtelfinale qualifizierten Dortmunder: Im letzten Heimspiel gegen Anderlecht können sie wohl mit einem Remis Rang eins vor den Londonern sichern. „Zu neunzig Prozent wird Dortmund Gruppensieger“, sagte selbst Arsenal-Coach Arsene Wenger.

Doch die Art und Weise, wie sich der BVB nach vier Siegen zum Auftakt nun in Nordlondon ins Schicksal fügte, ließ viele Begleiter der Westfalen kopfschüttelnd zurück – selbst eigene Spieler: „Wir konnten uns keine richtige Torchance erspielen“, analysierte Ilkay Gündogan treffend. Aufgrund der schwierigen Personalsituation bekam der Spielmacher seinen ersten Startelfeinsatz in der Königsklasse seit dem verlorenen Finale 2013 – und machte seine Sache trotz deutlicher Fitness-Defizite noch am besten unter Dortmunds zahlreichen Totalausfällen.

Ginter in der Abwehr heillos überfordert
Denn insgesamt präsentierte sich die Borussia dermaßen unterirdisch, uninspiriert und ohne Erfolgswillen, dass den Fans spätestens jetzt Angst und Bange werden müsste. Von den früheren Attributen ist nichts übrig geblieben. Gegenpressing: findet nicht statt. Überfallartige Angriffe: Fehlanzeige. Körpersprache: „Lasst uns in Ruhe“. Nur zwei Chancen lieferte das Dortmunder Spiel. Die erste – nach Gündogans Traumpass und Lukasz Piszczeks Verlängerung vergab Henrich Mchitarjan (39. Minute) wie so oft in letzter Zeit leichtfertig.

Die zweite ließ der eingewechselte Adrian Ramos in der Nachspielzeit liegen. Aber da war der gebrauchte Abend im englischen Nebel ohnehin nicht mehr zu retten. „Das war ein Rückschritt“, sagte Matthias Ginter später. Der Weltmeister war als Ersatz der beiden angeschlagenen Innenverteidiger Mats Hummels und Sokratis heillos mit seiner Aufgabe überfordert.

Mit noch größeren Zweifel zurück nach Deutschland
Der treueste Begleiter der Borussia dieser Tage ist eigenes Unvermögen gepaart mit einer Portion Pech. Schon nach zwei Minuten lag der Ball erstmals im Tor von Torhüter Roman Weidenfeller, und eigentlich hätte FIFA-Schiedsrichter Viktor Kassai den Treffer nicht geben dürfen. Yaya Sanogo stand beim Anspiel von Santi Cazorla knapp im Abseits. Andererseits war es erneut selbst verschuldet. „Trotz 5:3-Überzahl haben wir den Treffer kassiert“, mäkelte Sportdirektor Michael Zorc. BVB-Trainer Jürgen Klopp haderte indes mit dem Schicksal: „Das war der schlechteste Start, den man sich vorstellen kann.“

Es war zugleich das schnellste Gegentor in der Champions-League-Historie der Schwarz-Gelben. Dabei hatte Klopp so eindringlich darauf hingewiesen, ja mit einem Erfolgserlebnis nach Deutschland zurückzukehren, um auch im Tagesgeschäft endlich mit Selbstvertrauen gegen die vielen Zweifel anzukämpfen. Auch die Brandrede von Hans-Joachim Watzke verhallte ungehört: Die Spieler lieferten eben jenen Verwaltungsfußball, den der BVB-Chef nicht mehr sehen wollte. Nun geht der Tabellensechzehnte der Bundesliga noch schwerer angeschlagen ins Duell bei Eintracht Frankfurt am Sonntag.

Auch Klopps Schachzüge bleiben ohne Wirkung
„Wir waren nicht mutig genug“, kritisierte der Coach seine Elf, bei der nichts klappen wollte, und: „Es gibt tausend gute Gründe, warum wir heute keinen guten Fußball gespielt haben.“ Einige hatte der Coach selbst zu verantworten. So brachte er Ciro Immobile in der Sturmspitze wohl nur, weil genau diese Finte beim 2:0-Sieg im Hinspiel funktioniert hatte. Der Italiener bekam aber diesmal überhaupt nichts hin. Auch Klopps taktischer Zug, Pierre-Emerick Aubameyang auf die Position des Spielmachers zu stellen, ging nicht auf.

Weil zudem auf den Seiten Kevin Großkreutz kein Feuer entfachte und Henrich Mchitarjan jede Idee schuldig blieb, kam das BVB-Spiel nicht auf Touren. Dass Dortmunds Abwehr stets anfällig ist, gehört europaweit zum Allgemeinwissen. Treffer Nummer zwei kassierte der BVB diesmal in der 57. Minute, als die Dortmunder Verteidigung so tat, als habe sie noch nie vom Chilenen Alexis Sanchez gehört. Arsenals Stürmerstar bedankte sich unbehindert mit einem Kunstschuss zum 2:0 aus zwanzig Metern.

Gemütliches Scheitern in der Komfortzone
Einzig die Öffentlichkeitsarbeit funktioniert derzeit noch bei den Westfalen. Am Morgen vor der Partie hatte die Mannschaft das Anschwitzen im Regent‘s Park absolviert, wo sonst Hobby-Fußballer ihr Glück suchen. Die englische Presse, die Klopp lieber heute als morgen in der Premier League sehen würde, feierte den BVB dafür als „bodenständigen Arbeiterklub“, obwohl der Tross im nahegelegenen Nobelhotel für vermutlich das doppelte Jahresgehalt eines Fabrikarbeiters Quartier bezogen hatte. Im Spiel am Abend präsentierte sich der Champions-League-Finalist von 2013 zwar nicht wie eine Freizeittruppe, aber auch nicht wie der würdige Spitzenreiter der Königsklassen-Gruppe D.

Und so wirkte der Gang zu den Treuesten der Treuen nach der Partie im Emirates-Stadion diesmal wie ein Trauermarsch. Die Mannschaft stieg pflichtbewusst über die Werbebande, um sich per Handschlag direkt bei den Fans zu bedanken, die weiter bedingungslos hinter ihnen stehen. Unpassend schien es obendrein: Schwarz-Gelb stürzt jubelnd ins Verderben und die Anhänger merken nicht, dass sie ihren Helden sogar damit schaden, sie für ihre schlechten Leistungen auch noch ausdauernd zu feiern und in der Komfortzone zu belassen.

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