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Nationalmannschaft: Bastian Schweinsteiger spürt die Verfolger im Nacken

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Für seinen Kapitän setzt der Bundestrainer schon mal das Leistungsprinzip außer Kraft – mit Blick auf die EM-Qualifikation sogar aus gutem Grund. Ob das für die Entwicklung der DFB-Elf langfristig Sinn macht, scheint aufgrund der jungen Nachrücker zumindest fraglich.

(*Dieser Artikel lief am 8.10.2015 bei zdfsport.de*)


Statt “Fußballgott” nennen sie ihn jetzt “Mr. Calm” – den Herrn der Ruhe. Fans und Teamkollegen bei Manchester United schätzen an ihrem neuen Strategen Bastian Schweinsteiger die Fähigkeit, das Spiel zu entschleunigen. Bei einem Weltmeister, der seine Karriere auf Eigenschaften wie Power und Dynamik gründete, hat dieser Kosename aber auch einen Beigeschmack.

Denn für den 31-Jährigen, der bei der EM-Qualifikationsaufgabe in Irland mit seinem 114. Länderspiel auf Rang vier der Rekordnationalspielervorrückt, ist es das letzte untrügliche Zeichen, deutlicher als jedes ergraute Haar: Er ist im Herbst seiner Karriere angekommen.

Für Wucht und Tempo der Falsche
Es gehört zu den spannendsten Fragen, welche Konsequenz sich daraus für das DFB-Team ergibt. Schon Schweinsteigers Beförderung zum Kapitän vor einem Jahr war eher die hoch verdiente Belohnung für vergangene Leistungen als eine Entscheidung für die Zukunft.

Als “emotionaler Leader” kann der frühere Münchner beim Turnier in Frankreich eine wichtige Rolle spielen. Außerhalb des Platzes sowieso, das hat der WM-Held als Integrationsfigur in Brasilien bewiesen. Auch auf dem Rasen, wenn gegen Europas Elite tonnenweise Erfahrung, robuste Zweikampfhärte und eine sichere Passquote gefragt sind. So wie nun in Dublin, gegen die mit aller Macht um ihre EM-Chance kämpfenden Iren. “Das wird ein Abnutzungskampf”, ist sich Bundestrainer Joachim Löw sicher.

“Trecker auf der Schnellstraße”
Aber um tief stehende Gegner mit Wucht und Tempo aus den Angeln zu heben und dabei gegen schnelle Konter gewappnet zu sein – auf diese Standardaufgabe der Nationalmannschaft passen Schweinsteigers Qualitäten eher weniger. Auch wenn ihm der englische Boulevard mit der Bezeichnung “Trecker auf der Schnellstraße” sicher nicht gerecht wird.

Andererseits hat es einen Grund, warum der FC Bayern seinen Publikumsliebling vor der Saison für läppische neun Millionen Euro auf die Insel ziehen ließ – ohne auffälligen Qualitätsverlust und ohne größere Fanproteste.

Kaum Experimente
Im DFB-Team profitierte Schweinsteiger von der anfangs holprigen EM-Qualifikation: Der Wille zu Experimenten auf der wichtigen Position im defensiven Mittelfeld blieb beim Bundestrainer überschaubar.

Aktuell kommt Deutschlands Nummer 7 die extrem kurze Vorbereitung zugute. Gleich 17 Spieler des Kaders waren noch Sonntag im Klub-Einsatz. Mit lediglich einer gemeinsamen Trainingseinheit gehen die Weltmeister in die Partie bei den Boys in Green.

Laborversuche
Für das Gruppenfinale gegen Georgien gilt Ähnliches. Für letzte Laborversuche sieht Löw “keine Veranlassung, dazu sind diese Spiele zu wichtig“. Der Bundestrainer kann ruhigen Gewissens an seiner Tradition festhalten, verdiente Kräfte unabhängig von der Formkurve zu stützen, weil sie alle Automatismen kennen.

Spätestens mit dem EM-Ticket in der Tasche wird sich Löw Gedanken machen müssen, welche Lösung perspektivisch die beste ist. Die öffentliche Diskussion ist längst im Gange.

“Überangebot an Ausnahmespielern”
“Im Mittelfeld haben wir ein Überangebot an Ausnahmespielern“, gestand Löw bereits öfters ein. Ihn plagt mehr als nur ein Luxusproblem, obwohl er zurzeit nicht einmal die nächste Generation der so genannten Sechser auf der Rechnung hat: Liverpools Emre Can, Bayern-Youngster Joshua Kimmich oder Dortmunds Shooting-Star Julian Weigl.

Schon im aktuellen Kader steht mit Ball-Artist Toni Kroos eine Konstante bereit, in Kilometerfresser Christoph Kramer eine Variable. Sami Khedira feierte gerade ein vielversprechendes Comeback bei seinem neuen Klub Juventus Turin. Mit ihm ist spätestens 2016 bei den Tests gegen England und Italien wieder fest zu rechnen.

Gündogan lauert
Vor allem dem fast sieben Jahre jüngeren Ilkay Gündogan kann das Festhalten am verletzungsanfälligen Schweinsteiger nicht gefallen. Der Dortmunder drängt mit Verve nach vorne und will endlich die Rolle ausfüllen, die Löw für ihn schon zur WM 2014 vorgesehen hatte, ehe eine schwere Rückenverletzung alle Pläne durchkreuzte.

Nun spielt das BVB-Ass wieder eine starke Saison, daran ändert auch Dortmunds Debakel in München wenig. Gündogan punktete im jüngsten Quali-Doppelpack, brachte als Joker im Topduell gegen Polen enorm viel Schwung und erzielte in Schottland den Siegtreffer. “Ilkay hat das Tempo und die Beweglichkeit zurück. Er ist mit Blick auf 2016 und die WM 2018 ein unglaublich wichtiger Spieler”, sagte der Bundestrainer unlängst.

In den jüngsten Partien ging Löw dem Aufstellungs-Dilemma aus dem Weg. Weil Marco Reus fehlte, konnte er Mesut Özil auf die vakante linke Seite schieben und Gündogan offensiv spielen lassen – von Schweinsteiger abgesichert. Wenn alle Stars an Bord und in Form sind, wird diese Art Rettungsrotation aber nicht funktionieren – jedenfalls nicht, ohne andere Härtefälle zu produzieren.

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