Athletic Brandão

Grundsolider Zaubersport

Redebedarf: BVB-Trainer Tuchel mit Götze. (Foto: athletic-brandao.de)

Mario Götze übt sich in Demut und Reue

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Die Rückkehr der Reizfigur verläuft überraschend sanft. Im Trainingslager in der Schweiz ist das Verhältnis zu den BVB-Fans noch das kleinste Problem. Götze kämpft bei Borussia Dortmund gegen innere und äußere Zweifel – und der schwerste Weg steht ihm erst noch bevor.

(*Dieser Artikel lief am 7.8.2016 bei heute.de*)

Schon am zweiten Tag des Trainingslagers in Bad Ragaz gibt es Klärungsbedarf. Mit Händen und Füßen redet BVB-Trainer Thomas Tuchel auf Mario Götze ein. Während der Rest des Teams nach dem intensiven Übungsspielchen aus der irren Hitze flüchtet, bekommt der Rückkehrer noch eine Nachhilfestunde:

Mit dem blauen Reservistenleibchen als Büßerhemd steht der Weltmeister im Mittelkreis, lauscht demütig seinem Fußballdozenten und wartet geduldig auf die wenigen auflockernden Scherze des Chefs. Fünf Minuten braucht der schwitzende Götze, um unter Kopfnicken den kurzen Weg in den Schatten zu schaffen.

Götzes Zeit in München galt als Rückschritt

Götzes Comeback in Dortmund ist harte Arbeit, für alle Beteiligten. Das war angesichts der einst enttäuschten „echten Liebe“ klar. Doch neben den Fans, die er vor drei Jahren mit dem Wechsel zum Erzrivalen FC Bayern vor den Kopf stieß, hat er noch andere Akteure für sich zurückzugewinnen. Das reflexartige Lob alter und neuer Kollegen muss sich erst als belastbar erweisen. „Mario weiß, dass viel von ihm erwartet wird“, sagte Sportdirektor Michael Zorc jüngst. Ob der 22-Millionen-Euro-Transfer im Klub wirklich so harmonisch diskutiert wurde wie öffentlich transportiert wird? Es bleibt das sportliche Fragezeichen. Trotz guter Statistiken gilt seine Münchner Zeit als Karriere-Rückschritt.

Noch ist nicht gesichert, ob Trainer Tuchel ein so großer Freund der Rückholaktion ist wie etwa Hans-Joachim Watzke. Der BVB-Geschäftsführer lobt den WM-Finalheld von 2014 in Dauerschleife: „Bei uns wird Mario wieder der Alte.“ Beim größten Umbruch der jüngeren Vereins-Geschichte mit weiteren sieben Zugängen muss sich selbst für einen Hochbegabten wie Götze erst ein Platz finden. Spätestens seit der Verpflichtung seines Buddys André Schürrle platzen die Flügel vor Talent aus allen Nähten. Bleibt wohl nur die Schaltzentrale.

Wie selbstverständlich orientiert sich der 24-Jährige dorthin. Mit Shinji Kagawa streitet er um die Planstelle in der Startelf. Beim jüngsten Testspiel gegen den AFC Sunderland gab Tuchel dem Japaner 67 Minuten lang den Vorzug. Bei defensiverer Ausrichtung ist auch Gonzalo Castro ein Konkurrent, ein Gewinner der Saisonvorbereitung.

Kaum Pfiffe der Fans

Götzes atmosphärischer Einstand geht bislang überraschend sanft über die Bühne. Bei der Ankunft am Teamhotel Grand Resort Bad Ragaz nimmt ihn die kleine Fan-Schar wohlwollend in Empfang. Die ersten Trainingseinheiten verlaufen ohne Störgeräusche. Keine Pfiffe, Hassplakate oder Schmährufe von den gut 300 Schwarz-Gelben am „Sport-platz Ri-Au“. Als Götze nach der ersten Einheit für Selfies und Autogramme auf die Fans zugeht, ist fast ein wenig Zuneigung zu spüren.

Erst beim Sunderland-Spiel im österreichischen Altach werden Pfiffe und böse Worte laut – aber nur wenige, von einer kleinen Minderheit. Das liegt auch am Publikum: viele Urlauber, Familien mit Kindern. Und an der cleveren Orchestrierung eines Transfers, der mit Testballons schon vor Monaten auf Machbarkeit in der BVB-Familie geprüft wurde. Erstaunlich ist die gemäßigte Fan-Reaktion trotzdem.

Weg vom Schnösel-Klischee

Auch auf dem Platz zeigt Götze Demut. Er stellt sich hinten an wie ein aufgerückter A-Jugendlicher. Er wird nie laut, zeigt null Allüren, unterdrückt fast jedes Grinsen. Beinahe entsteht der Eindruck, selbst am Ball bremse er sich. Götze gibt sich keinen Äußerlichkeiten hin – abgesehen von der Kurzhaarfrisur, die vom Boulevard als Signal des Aufbruchs interpretiert wird.

Beim letzten Auftritt in Bad Ragaz vor drei Jahren bediente er noch alle Schnösel-Klischees, trug im Training Kettchen, strich die Ärmel hoch, um die Muckis zu bräunen. Nun wirkt er konzentriert und ernst. Selbst seine oft als peinliches Eigen-Marketing wahrgenommenen Social-Media-Auftritte hat er stark eingedampft. Einzig ein Tweet mit dem Baby eines Fans auf dem Arm sah als Symbolfoto dann doch zu bemüht aus.

Götzes Gang nach Canossa

Doch wie viel von seiner Übung in Demut und Reue ist kluge PR-Strategie, wie viel echte Läuterung? Was davon ist Angst vor Fettnäpfchen und wie viel Respekt vor einer Bringschuld? „Mario weiß, dass viel von ihm erwartet wird“, sagte Sportdirektor Zorc jüngst und forderte „Leistung, Leistung, Leistung“. Die sportliche Antwort wird Götze bald geben. Für das Verhältnis zu den Fans bleibt dem BVB eine Woche, um gut Wetter zu machen und Botschaften abzusetzen.

Wie in der Pressemitteilung zum Wechsel, als Götze seine Bayern-Episode indirekt als Fehler einordnete. Oder wie aktuell im Klub-TV mit dem Geständnis: „Ich wollte unbedingt zurück“. Dann wird die Südtribüne des früheren Westfalenstadions Götzes Canossa. Wenn die Borussia am kommenden Sonntag den FC Bayern zum Supercup empfängt, lautet die Frage nicht, ob die Reizfigur ausgepfiffen wird, sondern allein: Wie stark sind Restvorbehalte noch zu hören? Das könnte noch mal unangenehmer werden als eine Nachhilfestunde im Mittelkreis.

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