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Crashtest für die BVB-Abwehr

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Borussia Dortmunds Offensivpower kaschiert bislang alle Probleme im Rückwärtsgang. Beim Prestigeduell in der Champions League mit Real Madrid steht die bislang kaum geprüfte BVB-Abwehr vor ihrer Bewährungsprobe.

(*Dieser Artikel lief am 26.9.2016 bei zdfsport.de und heute.de*)

In Warschau schlug plötzlich die Stunde der BVB-Verteidiger. Allerdings nicht so, wie man es zum Start der Königsklasse gedacht hätte. Denn bei Dortmunds 6:0-Gala über Polens Meister Legia fiel der Umbruch-Borussia alles so leicht, dass selbst die Innenverteidiger Marc Bartra und Sokratis als Torjäger glänzten.

Als Abwehrstrategen dagegen brauchten sie bislang nicht an ihre Grenzen zu gehen. Diese Feuertaufe steht nun gegen Real Madrid an: Das Team um die Superstars Cristiano Ronaldo und Gareth Bale will endlich seine miese Bilanz aufbessern und nach zwei Remis und zuletzt sogar drei Pleiten in Folge erstmals im früheren Westfalenstadion gewinnen.

Neue Hierarchie

„Wir sind noch dabei, uns kennenzulernen“, sagt Trainer Thomas Tuchel gerne, wenn er auf den komplexen BVB-Umbau angesprochen wird. Das gilt auch für die Verteidigung, die vor der Saison in Mats Hummels ihren Chef und Gestalter verloren hat.

Eine neue Hierarchie soll her und der Sinn fürs Zusammenspiel frisch ausgeprägt werden. Wie weit die Findungsphase der Borussia gediehen ist, gehört zu den spannendsten Fragen vorm Duell mit den Königlichen.

Um den vermeintlichen Hummels-Nachfolger Bartra muss Borussia bangen, gezerrte Adduktoren verhinderten zuletzt seinen Einsatz. Zwar meldete sich der Spanier gerade noch rechtzeitig zum Abschlusstraining für die Real-Partie zurück. Wie groß das Risiko für einen Startelf-Einsatz und 90 Minuten auf Top-Niveau ist, lässt sich aber nur schwer abschätzen. Wenn es klappt, wäre das ein Gewinn für den BVB, schließlich traut Tuchel dem FC-Barcelona-Zögling am ehesten zu, auch die Spieleröffnung einzuleiten. Mit schönen Vertikal-Pässen ist ihm das zum Saisonstart bereits einige Male gelungen.

Abstimmungsprobleme

Die Abstimmung mit Nebenmann Sokratis offenbarte aber Trainingsbedarf. Zuletzt wurde Bartra in der Liga durch Matthias Ginter vertreten, der im dritten BVB-Jahr auf den Durchbruch wartet. Der Olympiazweite von Rio glänzte gegen sein altes Team Freiburg zwar mit zwei Traumpässen quer durchs Mittelfeld, sah aber beim Gegentor unglücklich aus.

Dahinter wird es im ansonsten überdimensionierten BVB-Kader eng. Selbst Tuchel warnte vor dem Champions-League-Highlight vor Verletzungen: „Jetzt darf nichts mehr passieren.“

Abwehr-Aushilfen

Während alle Offensivstellen mindestens doppelt besetzt sind, stehen im Abwehrzentrum nur noch Aushilfen zur Verfügung: die defensiven Mittelfeldspieler Sven Bender und Neuling Mikel Merino. Letzterer ist aber nicht für die Königsklasse gemeldet und wäre nur eine Option für die Liga.

Neven Subotic hätte wohl selbst nach überstandener Verletzung keine Zukunft mehr in Dortmund. Gut möglich, dass der BVB schon in der Winterpause nachbessert und Tuchels Wunschspieler Ömer Toprak vorzeitig aus Leverkusen loseist, um wenigstens in der Bundesliga breiter aufgestellt zu sein.

Guerreiro im Mittelfeld wertvoller

Auch auf den Seiten ist der runderneuerte BVB nicht sorgenfrei. Kapitän Marcel Schmelzer und Lukasz Piszczek sind nicht mehr die Schnellsten. Nicht nur gegen flinke Weltstars wie Ronaldo und Bale könnte das zum Problem werden. Zumal alle Außenverteidiger im Tuchel-System sehr hoch stehen, was enorme Laufarbeit erfordert.

Die Alternativen halten sich ebenso in Grenzen. Allrounder Ginter steht auch hier parat. Ansonsten macht rechts nur der 18 Jahre alte Umschüler Felix Passlack Druck, solange der dauerverletzte Erik Durm ein Rätsel bleibt. Joo Ho Park scheint nicht mehr ernsthaft als Schmelzer-Ersatz in Frage zu kommen, und der eigentlich für hinten links vorgesehene Raphael Guerreiro beweist zurzeit im Mittelfeld einen noch größeren Wert.

Probleme beim Pressing

Weiter kompliziert wird die Lage dadurch, dass vor den Außenverteidigern aktuell die extremsten Experimente des BVB-Labors ablaufen: Die Jungstars Ousmane Dembélé, Christian Pulisic und Emre Mor haben offensiv viele Freiheiten, sind in der Rückwärtsbewegung aber noch nicht firm. Selbst ein arrivierter Nationalspieler wie André Schürrle muss sich erst an die neuen Hinterleute und Abläufe gewöhnen. Auf den Flügeln droht so eine Unwucht zwischen Risiko und Sicherheit.

Zudem bietet die Grundformation Angriffsflächen. Die traditionelle Variante mit zwei defensiven Mittelfeldspielern funktionierte bislang nicht so gut. Egal, ob mit dem Duo Sebastian Rode und Gonzalo Castro oder in der Kombination eines der beiden mit Julian Weigl.

Nur ein Abräumer

Daher hatte sich zuletzt das 4-1-4-1 als Wohlfühlsystem der Westfalen durchgesetzt, mit Weigl als einzigem Abräumer vor der Abwehr. Wenn Gegner aber extrem pressen und wie Freiburg extra einen Weigl-Bewacher abstellen, können sie Dortmund schon in der Defensive ersticken.

Dazu muss ein Team nicht mal die individuelle Klasse Madrids haben. Bei Real sind Toni Kroos und Luka Modric jederzeit in der Lage, eine Abwehr per Geniestreich auszuhebeln, Stürmer wie Alvaro Morata oder Karim Benzema brauchen weder viel Raum noch viele Chancen, auch wenn der spanische Spitzenreiter diesen Beweis zuletzt mit zwei Remis in der Primera Division schuldig blieb.

Lehren aus dem Freiburg-Spiel

Dass Dortmunds Generalprobe mit dem mühevollen 3:1 am vergangenen Freitag gegen Freiburg holpriger war als die Warschau-Gala zum Auftakt der Königsklasse, sieht Trainer Tuchel positiv: „Diese Erfahrung fehlte uns noch nach den vermeintlich leichten Spielen zuletzt. Auch mal schwierige Phasen zu überstehen, ist im Moment Gold wert.“

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