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Marc Bartra: Vom Wackelkandidaten zum Publikumsliebling

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Nach einem holprigen Start in Dortmund ist der Innenverteidiger zum Liebling der BVB-Fans aufgestiegen. Im neuen System der Borussia spielt Bartra zudem eine zentrale Rolle – gerade gegen Teams wie Hertha BSC.

(Dieser Artikel lief am 25. und 26. August 2017 bei zdfsport.de)


Bei Borussia Dortmund wissen sie ganz genau, wie sie bei ihren Fans punkten können. Als jüngst das neue Auswärtstrikot beworben werden sollte, haben sie für die Fotos natürlich den aktuellen Publikumsliebling aufs Dach der Geschäftsstelle bugsiert, mit dem früheren Westfalenstadion plus Sonnenuntergang als perfektem Panorama.

Aber nicht Torjäger Pierre-Emerick Aubameyang oder Marco Reus dienten da als BVB-Botschafter – sondern Marc Bartra, ein Innenverteidiger, der über sein bewegtes und bewegendes Debütjahr in Dortmund fast ein Buch schreiben könnte.

Emotionale Achterbahnfahrt
„Es fühlt sich wirklich nach Familie an“, offenbarte Bartra den „Ruhr Nachrichten“ vor Saisonstart. Die beizeiten knorrigen Westfalen haben den lebenslustigen Katalanen nach nur einer Spielzeit ins Herz geschlossen, weil er sich kompromisslos auf die neue Heimat eingelassen hat. Bei ihm muss kein BVB-Anhänger befürchten, dass er per Streik einen Vereinswechsel erzwingt.

Natürlich spielt auch Bartras besondere Geschichte eine Rolle: Beim Anschlag auf den Mannschaftsbus Anfang April erlebte der 26-Jährige die „schlimmsten 15 Minuten“ seines Lebens. Doch seine Art, den Terror mit einfühlsamen Botschaften zu verarbeiten, hat ihm Respekt und Zuneigung bei den Fans verschafft und beim Comeback am letzten Spieltag der vergangenen Saison auch den schönsten Moment seiner Karriere: „Als die Leute aufstanden und alle meinen Namen riefen – das war das Emotionalste, was ich jemals in einem Fußballstadion erlebt habe.“

Hollywoodreifes Happy End
Dabei sah es im ersten halben Jahr nicht nach einer Love-Story aus zwischen dem Neuzugang vom FC Barcelona und den ambitionierten Westfalen. Als vermeintlicher Hummels-Nachfolger stand der für acht Millionen Euro verpflichtete U21-Europameister von 2013 gleich unter Druck. Dass der Verteidiger mit Bugwelle antrat, machte es nicht leichter. „Ich habe mit den Besten der Welt trainiert“, prahlte der zwölfmalige spanische Nationalspieler für westfälische Geschmäcker anfangs ein wenig zu laut und verwies stolz auf die Lehrjahre in Barcas legendärer Nachwuchs-Akademie La Masia.

Doch wackliges Stellungsspiel, fehlende Lufthoheit und der Hang zu Risikopässen ließen früh die Frage aufkommen, ob Bartra nach 103 Pflichtspielen für den Weltklub nicht doch geflüchtet sei, weil er an Stars wie Gerard Piqué oder Javier Mascherano nie herankommen würde. Gleich vier Mal verpasste ihm der „kicker“ in der Hinrunde 2016/17 die Note 4,5 oder schlechter.

Im Winter gelang Bartra die Wende. Seine Auftritte wurden souveräner, die Noten deutlich besser, ehe ihn der beim Bombenattentat gebrochene rechte Arm zurückwarf. Doch auch diese, vor allem psychologisch belastende Phase überwand er, Solidarität und Anteilnahme unter Mitspielern und Fans waren ihm sicher. Nach der emotionalen Liga-Rückkehr feierte er beim DFB-Pokalsieg in Berlin sogar noch ein hollywoodreifes Happy End.

Neben Sokratis etabliert
Bartra lässt keine Gelegenheit aus, seine Zuneigung für die Borussia in sozialen und klassischen Medien zu bekunden. So belohnte Dortmunds Nummer 5 eine BVB-Anhängerin mit seinem Trikot, weil diese sich beim Derby schwarz-gelb gewandet mutig in den Schalke-Block gesetzt hatte. Via Instagram und Twitter lässt er die BVB-Gemeinde regelmäßig an seinem privaten Glück teilhaben. Das mag Geschmacksache sein, wirkt aber immerhin nicht so aufgesetzt wie bei vielen anderen, agenturgesteuerten Fußballprofis. So tauchen seine Frau Melissa Jimenez, die er in diesem so ereignisreichen Jahr auch geheiratet hat, sowie sein Töchterchen Gala oft in Nebenrollen auf.

Das alles würde nicht funktionieren oder sogar kontraproduktiv wirken ohne sportliche Basis. Aber auch unter Trainer Peter Bosz scheint Bartra Fortschritte zu machen. Er hat sich als etatmäßiger zweiter Innenverteidiger neben Abwehrchef Sokratis etabliert, vor Konkurrent Ömer Toprak. Die Pässe kommen schnörkelloser und präziser und werten sein Aufbauspiel auf. Das Stellungsspiel hat sich verbessert, was angesichts der im neuen System höher stehenden Verteidigung wichtig ist. Mehr Risiko verträgt die Abwehr nicht, die schon in der Vorsaison mit 40 Liga-Gegentoren anfällig war. Gerade gegen frech auf Konter lauernde Teams wie aktuell Hertha BSC ist eine geringe Fehlerquote das A und O.

Traumtor beim Liga-Start
Nachdem er zum Saisonstart bei der unglücklichen Supercup-Pleite gegen den FC Bayern mit einem verschossenen Elfer noch zum tragischen Helden wurde, glänzt Bartra inzwischen auch als Vollstrecker. In der ersten DFB-Pokalrunde gelang ihm der Führungstreffer, beim Liga-Auftakt in Wolfsburg sogar ein Traumtor. Allein das kompromisslose Klären sollte sich Bartra schnell noch bei Sokratis abschauen. Nicht jedes Problem muss er künstlerisch anspruchsvoll lösen, auch ein Tackling an der Seitenlinie führt manchmal direkt in die Dortmunder Herzen.

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