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Grundsolider Zaubersport

Testspiel zwischen Trauer, Trotz und Terror

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Nach den Anschlägen von Paris will die Nationalmannschaft nicht einfach nur zur Normalität zurückkehren. Mit dem Länderspiel gegen Holland möchte der DFB auch ein Zeichen setzen für die westliche Wertegemeinschaft – und dabei doch demütig bleiben. Ein schwieriger Spagat.

(*Dieser Artikel lief am 17.11.2015 bei zdfsport.de*)

Der Weg durch die Katakomben zum Rasen – am Dienstag in Hannover wird er für die deutsche Nationalmannschaft ein besonderer sein. Unweigerlich wird die Erinnerung hochkommen an die schreckliche Nacht von Paris, als draußen auf den Straßen der Terror tobte und die Weltmeister stundenlang im Bauch des Stade de France gefangen waren.

Für das Team von Bundestrainer Joachim Löw bietet das Duell mit der niederländischen „Elftal“ die Chance, möglichst rasch und aktiv den Albtraum zu verarbeiten. Für den Sport, der womöglich ein Ziel der mörderischen Anschläge war, soll es noch viel mehr bedeuten.

Das Ringen um Worte und Signale
„Wir müssen uns gemeinsam dem Terror entgegenstellen. Der Fußball hat in diesem Moment auch eine wichtige gesellschaftspolitische Funktion“, sagte Rainer Koch. Der Übergangspräsident des skandalgeplagten Deutschen Fußball-Bundes wandte sich schon im „aktuellen sportstudio“ gegen eine Absage des letzten Länderspiels des Jahres 2015, ehe der Verband seiner Einschätzung folgte. „Die Botschaft ist klar: Wir lassen uns nicht einschüchtern“, legte Kochs Amtskollege Reinhard Rauball in der offiziellen Presseerklärung des DFB nach.

Nationalelf-Manager Oliver Bierhoff ging noch einen Schritt weiter: „Wir wollen als Mannschaft ein Zeichen der Gemeinschaft setzen. Mit dem französischen Volk, mit den Angehörigen der Opfer.“ Wenige Monate vor Beginn des EM-Turniers im Nachbarland ringen die Fußballfunktionäre um angemessene Worte und Signale und laufen doch stets Gefahr, ihren Sport mit Erwartungen zu überfordern.

Absage keine Option
Nicht weniger als die westlichen Werte waren das Ziel der Attentäter: Das Leben zu feiern und nicht den Tod, in Freiheit und selbstbestimmt. Oder konkret an jenem Abend: Der Genuss eines Spiels von Les Bleus im französischen Nationalstadion; die gelöste Wochenendstimmung in den übervollen Kneipen und Restaurants des 10. und 11. Arrondissements; ein Musikkonzert im beliebten „Bataclan“, wo die meisten der über 120 Toten zu beklagen waren.

Daher stand der Klassiker gegen Oranje wohl auch nie ernsthaft auf der Kippe. Eine Absage hätte als ängstliches Zurückweichen vor dem Terror interpretiert werden können. Nach der Entscheidung der Equipe Tricolore, ihrerseits am Test in England festzuhalten, war sie ohnehin keine Option mehr.

Elbers Friedenstaube als Vorbild
Nun möchte der DFB das Beste aus der heiklen Situation machen und Flagge zeigen: Solidarität mit Frankreich, Trauer um die Toten, Hochhalten westlicher Werte – ohne dabei berechtigte Sorgen über die Sicherheit herunterzuspielen. Wie das konkret aussehen soll, ist unklar. Zumal sich der Fußball nicht zu sehr aufplustern sollte. Es gibt Wichtigeres im Leben, diese Lektion nehmen alle mit aus der mörderischen Freitagnacht.

Es besteht stets die Gefahr, ins Pathetische abzurutschen oder ins Peinliche. Wie bei einem Torjubel, der mit einer Opfer-Widmung überfrachtet werden könnte. Dass eine solche Geste kommt – danach lässt sich wohl die Uhr stellen. Nicht jeder ist darin so versiert wie Bayern-Stürmer Giovane Elber, der nach den Anschlägen vom 11. September 2001 mit den Händen eine Friedenstaube formte und mit dieser feinen Symbolik richtig lag.

Unterdrücken die Fans ihre Schadenfreude?
Sicher ist bislang nur, dass es in Hannover eine Gedenkminute geben wird und die Spieler – wie zurzeit alle Akteure im Geltungsbereich der UEFA – einen Trauerflor tragen werden. Dass keine „La Ola“-geschwängerte Partystimmung entstehen kann oder soll, versteht sich von selbst.

Es würde schon reichen, wenn die Fans pietätvoller reagieren als im Regionalliga-Derby zwischen Rot-Weiß Oberhausen und Rot-Weiss Essen, in dem keine 48 Stunden nach den Anschlägen von Paris Böller und Pyrotechnik auf die klugen Worte des Stadionsprechers folgten. Dazu würde gehören, dass die Anhänger der DFB-Elf ihren Impuls unterdrücken, die nicht qualifizierten Gäste auf ein „Ohne Holland fahr’n wir zur EM“-Spießrutenlaufen zu schicken.

„Trauerfolklore mit Hashtag“
Deutschlands Nationalspielern bietet sich die Möglichkeit, ihre Stimme wiederzufinden. Nach dem Schlusspfiff im Stade de France konnten sie ihre Sicht der Dinge nicht mehr schildern. Zum Teil unfreiwillig, weil auf Interviews verzichtet und die Mannschaft nach der Heimreise vorerst zu ihren Familien entlassen wurde – beides richtige Entscheidungen. Weil sich so aber nur über soziale Netzwerke Kommentare verbreiteten, mussten sich die Akteure von der Zeitung „Die Welt“ sogar für „Trauerfolklore mit Hashtag“ kritisieren lassen.

Das werden die Spieler nicht so stehen lassen wollen – die Aufarbeitung hat auch für sie gerade erst begonnen. „Das gesamte Team – Spieler, Trainer und Betreuer – ist immer noch stark betroffen“, sagte Manager Bierhoff und warb um Verständnis. Spätestens beim nächsten Bundesliga-Spieltag wären die Nachfragen aufgetaucht. Vielleicht ist es gut, sie nun schon im zeitlich nahen Umfeld eines zweiten Länderspiels zu stellen.

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