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Grundsolider Zaubersport

Watzke schaltet auf Angriffsmodus

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Der BVB-Chef kämpft um die Deutungshoheit der Dortmunder Krise. Der Umgang mit der Kritik ist auch eine Frage des Spins.

(Dieser Artikel lief am 16.12.2017 bei zdfsport.de)

Ein einziger Bundesliga-Sieg nach acht Partien ohne Erfolg – und schon ist er zurück in seinem Element: „Sechs Monate Dortmund sind höher zu bewerten als fünf Jahre Gelsenkirchen“, sagt Hans-Joachim Watzke, als er bei „19:09 – der schwarz-gelbe Talk“ nach der kurzen Laufzeit des Vertrages für Übergangstrainer Peter Stöger gefragt wird.

Als Gast im Dortmunder Lensing-Carrée“, wo die heimischen „Ruhr Nachrichten“ regelmäßig mit BVB-Größen diskutieren, kommt der Borussen-Chef mit Seitenhieben auf den Revierrivalen Schalke gut an. Ein echtes Heimspiel.

Unerklärliche Talfahrt
„Jetzt haben wir vielleicht einmal daneben gelegen“, verteidigt sich Watzke. Der Rauswurf von Trainer Peter Bosz vor wenigen Tagen will ins Positive gedreht werden. Da fällt unter den Tisch, dass die Trainerbilanz aus gut zwölf Jahren seiner Amtszeit auch differenzierter betrachtet werden könnte als mit dem Dauerverweis auf die goldene Klopp-Ära. Watzkes erster Trainertransfer Jürgen Röber ergriff einst nach nur wenigen Wochen die Flucht. Thomas Doll hat vor allem dank seiner „Ich lach mir den Arsch ab“-Rede einen Platz im kollektiven BVB-Gedächtnis. Und Thomas Tuchel? Wurde der nicht kürzlich wegen unüberbrückbarer Differenzen entlassen?

Der Bosz-Rauswurf verträgt noch Spin. „Erst gewinnen wir alles, dann plötzlich nicht mehr. So was habe ich noch nie erlebt. Das ist ein Phänomen“, sagt Watzke. Nicht mal Matthias Sammer oder Jose Mourinho, mit denen der BVB-Chef nach eigenen Angaben zuletzt telefonierte, könnten sich einen Reim auf die sportliche Talfahrt machen. Die jüngst ans Licht gekommene Cliquen-Bildung im Team? „Hat schon vor Bosz angefangen.“ Warum er sie laufen ließ, sagt der 58-Jährige nicht.

In die Defensive getrieben
Ob die BVB-Chefs wirklich unterschätzt haben, wie radikal Bosz seinem Ideal vom holländischen „Voetbal Total“ nacheifert, sei dahingestellt. Aber schon seit dem Abschied von Klopp und dessen Überfallfußball fehlt ein konsistenter Plan, für welche Philosophie Schwarz-Gelb überhaupt steht. Tuchel sollte die Borussia taktisch breiter aufstellen und auf Ballbesitz polen. Bereits mit Bosz ging es wieder retour zur wilden Balljagd. Nun muss Stöger aus der Borussia vorübergehend ein Bollwerk machen. Von der Kritik in den Medien fühlt sich Watzke nun auch persönlich angegriffen. „Man hat ja fast den Eindruck, beim BVB sind nur Legastheniker und Analphabeten am Werk.“

Watzke muss zugute gehalten werden, dass das wohl ereignisreichste Jahr der Klubgeschichte seinen Chef zum Getriebenen gemacht hat. Eine Ausnahmesituation jagte die nächste. „2017 war schrecklich“, gesteht Watzke, der sogar über Rücktritt nachdachte. Erst die hässliche Randale vorm Spiel gegen Leipzig, dazu die teils deutlich überzogene öffentliche Schelte. Die Südtribünen-Sperre. Dann der Bomben-Anschlag aufs Team. Und schließlich der über Monate schwelende Zoff mit Tuchel, der zu allem PR-schädlichen Überfluss als DFB-Pokalsieger entlassen werden musste. All das hat den BVB-Chef in die Defensive getrieben und ließ kaum noch Platz für Strategie.

Neuanfang im Sommer
Im nächsten halben Jahr hat Watzke die Chance, seinen Herzensklub in deutlich mehr Ruhe für die Zukunft aufzustellen. Mit dem einen oder anderen neuen Spieler ab Sommer. Mit einem neuen Trainer – vielleicht wird es trotz aller Dementis ja doch die jugendlich-mutige Lösung Julian Nagelsmann aus Hoffenheim. Und mit einer festen Philosophie, die für Fans, Aktionäre und die angepeilten internationalen Märkte wieder eine stimmige Geschichte erzählt.

Watzke kann sich dabei auf seine frühere Paraderolle als Macher und Gestalter zurückbesinnen. Den nötigen Kampfmodus der Klopp-Jahre hat er wohl schon zurück. Und als ob das überhaupt nötig wäre, bringt er sich beim BVB-Präsidenten demütig für eine letzte Amtszeit über 2019 hinaus ins Gespräch: „Ich werde nicht bis 65 in diesem Amt sein. Aber wenn mich Reinhard Rauball fragt, könnte ich mir vorstellen, noch mal zu verlängern.“ Alles eine Frage des Spins.

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