Neustart mit den alten Helden

Bundesligist Borussia Dortmund sucht im Trainingslager in Marbella nach alten Tugenden und hofft mit Reus, Götze und Co. schon bald wieder groß rauszukommen.

(Dieser Artikel lief am 8.1.2018 bei zdfsport.de)

Es ist Zeit für Geschenke in Dortmunds Trainingslager. In Sichtweite des BVB-Teamhotels in Marbella ziehen die Heiligen Drei Könige vorbei. Auf Umzugswagen wie bei uns an Rosenmontag bewegt sich die sogenannte Cabalgata über die Avenida Ricardo Soriano. Einige Tonnen Kamelle haben die „Reyes Magos“ im Gepäck, für Groß und Klein am dicht gefüllten Straßenrand.

An der Borussia geht die Party vorbei, die Spieler verziehen sich nach einer weiteren schlauchenden Fußballeinheit im städtischen Stadion lieber auf die Zimmer. Aber die Westfalen haben sich selbst Präsente mit nach Andalusien gebracht.

Reus auf Comeback-Kurs
Zum Beispiel in Person von Marco Reus. Der Nationalspieler sitzt zwei Tage später auf der zugigen Terrasse der „Red Level Lounge“ im Fünfsterne-Hotel Gran Melia Don Pepe und gibt sich in kleiner Medienrunde angriffslustig. „Alles läuft nach Plan, ich kann‘s kaum erwarten, wieder auf dem Platz zu stehen“, sagt Reus und trotzt in kurzer Hose dem Kälte-Einbruch an der Costa del Sol. Gut sieben Monate nach seinem Kreuzbandriss im DFB-Pokalfinale ist Dortmunds Nummer elf zurück im Training und macht bereits einige Übungen der gesamten Mannschaft mit.

Reus ist der Hoffnungsträger dafür, dass diese turbulente Saison ein Happy End findet. „In der Europa League haben wir eine große Chance, und in der Bundesliga muss unser Ziel Rang zwei sein“, sagt der Offensivstar. Auf seine Qualitäten als Vorbereiter und Torschütze setzt der BVB, der nach dem besten Saisonstart der Klubgeschichte plötzlich das Siegen verlernte und sich Anfang Dezember nur noch mit dem Rauswurf von Trainer Peter Bosz zu helfen wusste. Reus‘ Comeback ist zwar erst für Mitte Februar angepeilt – Klub und Spieler wollen mit Blick auf dessen WM-Teilnahme nichts riskieren. Aber wenn es ernst wird in den Wettbewerben, das ist allen klar, dann wird Reus dringend gebraucht.

Piszczek bringt Stabilität zurück
Genau wie Mario Götze. Auch der steht nach seinem Bänderriss im rechten Sprunggelenk wieder im Training. Mit ein wenig Glück reicht es beim WM-Helden von 2014 sogar für einen Einsatz beim Rückrundenstart gegen Wolfsburg. Götzes Ballsicherheit könnte helfen, der Borussia wieder ein Fundament zu geben. Bis zu seiner Verletzung im Derby gegen Schalke war Götze selbst in schwachen BVB-Spielen ein kleiner Lichtblick. Mit Reus soll er das kreative Vakuum füllen.

In der Defensive könnte die Rückkehr von Lukasz Piszczek zum Geschenk für den neuen Coach Peter Stöger werden, zumal in Kapitän Marcel Schmelzer und Raphael Guerreiro die nächsten Ausfälle drohen. Mit Piszczek auf der rechten Abwehrseite hat der BVB 2017 kein einziges Spiel verloren. Der Routinier steht für Stabilität und hilft dem Team auch als Persönlichkeit weiter. Außerdem dürfte sich Gonzalo Castro zurückmelden. Erik Durm feierte nach 224 Tagen Zwangspause ein Comeback beim 2:0-Sieg über Zweitliga-Spitzenreiter Fortuna Düsseldorf. Im Testspiel im tristen Stadion von La Linea am Fuße des Felsens von Gibraltar zeigte Durm einen ordentlichen Auftritt, der mehr als nur die wenigen Handvoll BVB-Fans als Zuschauer verdient gehabt hätte.

Stöger sorgt für Aufbruchstimmung
Weil sich so viele Qualitätsspieler zurückmelden, könnte sich sogar das Thema Winter-Einkäufe kurzfristig erledigen. „Wir haben einen tollen Kader“, sagt Trainer Stöger. „Meinetwegen muss keiner mehr dazukommen.“ Die Genügsamkeit kommt zur rechten Zeit, denn die Rückkehr von Henrich Mchitarjan ist bislang wohl nicht mehr als eine Idee und die Verpflichtung von Basels teurem Abwehrtalent Manuel Akanji gestaltet sich schwierig.

So könnte Stöger versucht sein, mit dem bestehenden Kader die Balance zwischen Ab-wehr und Angriff zu verbessern und mehr Tempo einzupflanzen. Der Coach, der mit zwei Liga-Siegen zum Einstand überzeugte, aber auch mit seiner witzigen und emphatischen Art, scheint seine zunächst bis Sommer geplante Zeit beim BVB als Geschenk zu betrachten, als eigene Chance. Er nährt die Aufbruchstimmung und führt viele Gespräche, um die Gründe der sportlichen Delle zu erforschen. Dem Team hat er einen Soziologen zur Seite gestellt, um der von der Klubspitze identifizierten Grüppchenbildung entgegenzuwirken.

Aubameyang in der Bringschuld
Und schließlich scheint es für Pierre-Emerick Aubameyang an der Zeit, Mitspielern wieder mehr Respekt zu schenken. Der Paradiesvogel, von dessen Toren der BVB abhängig ist, hat den Eskapaden neue hinzugefügt. Kein Dortmunder würde ihn öffentlich kritisieren, die ersten drei Trainingstage 2018 wegen eines Ausflugs zur Wahl von Afrikas Fußballer des Jahres zu verpassen.

Oder dass er trotz reicher Auswahl in der Bettenburg Marbella seine Entourage im Teamhotel unterbringt – im Fußballgeschäft verpönt. So kommt zwischen den Zeilen durch, dass der Stürmer den Bogen mit Sololäufen überspannt. „Es gibt einen Rahmen, an den sich alle halten müssen. Der gilt auch für Auba“, sagt etwa Mario Götze.

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